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I Abteilung Abhandlungen.
s ö n l i ch e Stellung des Lehrers durchaus nicht ankommen darf. Und diese Nicht
beachtung der Gegensätze in den wichtigsten Lebensfragen während der Schulzeit
soll schließlich, so hofft man, zur Überwindung derselben und zur Einigkeit in
religiösen Dingen führen. Wenn es möglich wäre, m. H., so hätten wir dann
wahrscheinlich die Ruhe eines Kirchhofs, und es bedeutete mehr oder weniger
religiöse Indifferenz, und davor möge ein gütiges Geschick unser Vaterland doch
bewahren. Aber es ist nicht möglich. Nun und nimmer lasten sich Gegensätze
auf 'geistigem und kulturellem Gebiet überwinden und beseitigen durch Gleich
gültigkeit, durch scheinbare Nichtbeachtung. Unter der glatten Decke glimmt das
Feuer weiter, und es bedarf oft nur eines geringen Anlasses, um es glühend
und verheerend hervorbrechen zu lassen. Solch tiefgreifende Gegensätze muß man
entweder als berechtigt anerkennen und mit ihnen rechnen, oder sie ehrlich mit
den Waffen des Geistes, ohne persönliche Leidenschaft und Bitterkeit gegen den
Gegner zu überwinden suchen. Die Simultanschule will die Gegensätze
ignorieren; die Konfessionsschule kann und wird andere Mittel anwenden,
um eine richtige Stellung gegen Andersdenkende, eine auf Achtung gegründete
Duldung herbeizuführen, wenn sie, wie gesagt, ihre Aufgabe recht begreift. Durch
die evangelische Volksschule wenigstens (die ich hier nenne, weil sie mir am
nächsten steht) muß ein freiheitlicher Geist wehen. Das entspricht ihrem Begriff.
Sie ruht auf der Überzeugung, daß die sittlich-religiöse Wahrheit nur dann für
den Einzelnen wertvoll ist, wenn sie in freier Selbstentscheidung errungen wird.
Sie muß daher bereit und fähig sein, Achtung vor der fremden Eigenart zu
pflegen und in jedem Verhältnis jene edle Duldung zu üben, die schon die
Christenpflicht der Liebe zu dem Nächsten fordert. — Wenn es uns gelingt, die
Herzen der Schüler warm und weit zu machen, wenn sie selbst eine Wahrheit
als köstliches Gut besitzen, so werden sie sgewiß eher geneigt sein, den fremden
Standpunkt als die Wahrheit des andern zu ehren, als wenn wir sie zur Gleich
gültigkeit gewöhnen oder sie dahin führen, das, was andern wertvoll und wichtig
ist und besten sie bedürfen, um in den Stürmen des Lebens einen Halt zu
haben, für ein Nichts zu achten. Die eigene Armut macht hart und unempfind
lich gegen das, was das Herz des andern beseligt oder bedrückt; nur der eigene
Reichtum und Besitz macht am ehesten geneigt, den fremden Besitz zu respektieren.
Eine solche, auf eigener, fester Meinung gegründete Achtung vor dem abweichenden
religiösen Standpunkt anderer vermag die Simultanschule in ihren Zöglingen
nicht zu erzeugen, und sie ist daher nicht imstande, die konfessionellen Gegensätze
wirklich zu mildern. Sie trägt vielmehr unter Umständen noch zu ihrer Ver
schärfung bei.
M. H.! Einen weiteren Mangel der konfessionslosen Schulen erblicken wir
darin, daß die Verschiedenheit im religiösen Bekenntnis dem so notwendigen Ver
trauen zwischen den an der Schule beteiligten Personen hindernd im Wege steht.

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