36 II. Abteilung: Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Studien besteht, übernehmen, so könnte das leicht zur Zerstörung der wissen
schaftlichen Grundlagen des Universitätsbetriebes führen.
Da ist es erfreulich, daß Muthesius für seine Person eine Vorbedingung
für das Recht des Universitätsstudiums aufstellt: akademische Bildung für alle
Seminarlehrer. Mit einem solchen Vorschlag gelangen wir gleichzeitig auf den
natürlichen Boden, wo eine Reform der Lehrerbildung einzusetzen hat. So wird
eine engere Fühlung mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Forschung gewonnen.
Bei einer so durchgreifenden Reform der Seminare muß die praktische Vor
bildung für das Lehramt an der Volksschule im Vordergrund bleiben. In
zweiter Linie wäre auf die Möglichkeit eines späteren Übergangs zum akademischen
Studium Bedacht zu nehmen. Durch Erweiterung des Mittelschullehrerexamens
könnten die Volksschullehrer zur Immatrikulation, und nach Absolvierung der
Universitätsstudien zur Prüfung für Kandidaten des höheren Schulamts zu
gelassen werden.
Man wird die Abweichungen in diesen beiden Äußerungen, sowohl hinsichtlich
der Grundsätze als auch der praktischen Vorschläge, leicht erkennen. Wir möchten
uns, soweit solche Verschiedenheiten in Frage kommen, für die Auffassung von
Prof. Rein entscheiden; ihm steht eine genauere Kenntnis der Verhältnisse auf
Grund langjähriger Erfahrungen und Beobachtungen zur Seite. Was den
Bildungsgang der Seminarlehrer angeht, so ist es uns allerdings fraglich, wie
weit wir ihm da folgen dürfen. Die Formel: die Seminarlehrerstellen sind
mit Oberlehrern zu besetzen, genügt uns nicht ganz. Sollte es nicht gerade
wegen der praktischen Aufgaben, die das Seminar doch nach den über
einstimmenden Äußerungen beider Herren zu lösen hat, notwendig sein, daß die
Seminarlehrer bei ihrem Bildungsgänge mit dem Volksschulwesen enge Fühlung
gewonnen hätten? Und was für Oberlehrer wird man wohl, wie die Ver
hältnisse nun einmal liegen, gewinnen? Der Dienst am Seminar ist sehr reich
an Arbeit und an Entsagung, die Stundenzahl recht groß, die freie Zeit durch
Beaufsichtigung der Seminarzöglinge beschränkt, die Abhängigkeit von Direktor
und Regierung für freiere Geister drückend. Selbst wenn das Gehalt, im Ver
gleich zu dem der Oberlehrer, einen „Aufschlag" erhielte, so ist sehr fraglich, ob
sich die tüchtigsten unter den akademisch gebildeten Oberlehrern dazu drängten.
Man würde mit denen vorlieb nehmen müssen, die sonst nicht recht ankommen
können. Deshalb erscheinen uns diejenigen Leute zu Seminarlehrern am ge
eignetsten, die durch das Seminar hindurchgegangen sind und sich auf der Uni
versität eine tüchtige Fachbildung erworben haben. Daß bei der Seminarreform
das Fachlehrersystem streng durchgeführt werde, ist eine selbstverständliche Forderung.
Das Verlangen nach Beseitigung der Seminare ist nicht von heute. Die
Forderung, daß die Lehrerbildung an die Universitäten übergehen und Realschul
oder Gymnasialreife voraussetzen müsse, war eine der 22 Resolutionen, die 600
Lehrer am 26. April 1848 im Tivoli in Berlin faßten (siehe Geschichte der
Erziehung von Schmidt V. Bd. 3. Abt. S. 179). Es handelt sich also nicht
um törichte Augenblickseingebungen, sondern um die Austragung eines alten
Streites. Möchten sich dabei alle Gemäßigten und Sachkundigen beteiligen, da
mit das, was wir gewonnen haben, erhalten und die glückliche Entwicklung, in
der das Lehrerbildungswesen steht, zu einem guten Ende geführt werde. A.
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