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I. Abteilung. Abhandlungen.
wichtigste Seite unserer Aufgabe betrachtet. Sie muß es auch sein und bleiben.
Gewiß, wir können einem jungen Menschen eine große Summe von Wissen ver
mitteln und Kenntnisse und Fertigkeiten aller Art beibringen auch durch kalten
Unterricht; gelingt es uns aber nicht, sein Herz zu fassen und seinen Willen zu
bestimmen, so geben wir ihm vielleicht nur eine gefährliche und todbringende Waffe
in die Hand, die er im Kampfe gegen Einzelne und die Gesamtheit verwendet.
Das möchte ich den Freunden der Simultanschule zu bedenken geben, die in der
richtigen Erkenntnis, daß in ihr das erziehliche Moment zurücktreten muß, be
tonen, die Volksschule sei vor allen Dingen Unterrichts an st alt. Es ist mir
bisweilen, wenn man allzusehr auf Gewinnung von Kenntnissen und Fertigkeiten
hinzielt, das Wort eines Mannes bedeutsam geworden, auf dessen Zeugnis wohl
einiger Wert zu legen sein dürfte. Es ist Bogumil Goltz, der Verfasser des
Buches der Kindheit, der feine Kenner der Kindesseele, dessen Name ja auch in
Lehrerkreisen einen guten Klang hat. Er sagt: „Tot ist der Verstand ohne die
Seele, und tot eine Seele in einem Dasein, welchem die Poesie, der ideale Sinn,
der schöne Schein des Lebens und alles das entführt worden ist, woran die
Seele ihre Paradiesesträume, ihre Fühlungen von Himmel und Hölle wiederholt.
Wer dem Menschen den Idealismus, den Glauben, die Andacht, die Pietät,
wer ihm Natur und Übernatur abschmäht, verdächtigt, entstellt und entführt, wer
ihm durch einen Verstaudeskultus, durch lauter Verstandesexerzitien, Industrie-
arbeiten und Geschäftigkeiten die Seele unterbindet, nimmt ihm das Leben und
kann ihm hinterdrein nichts geben, was ihn wieder ins alte, volle, heilige Leben
zurückruft. Ist das Herz erst leer, wird's nie mehr voll." Darum, m. H.,
lassen Sie uns daran festhalten, daß Kenntnisse und Fertigkeiten zwar nötig,
nützlich und gut sind, daß es aber darüber noch Höheres gibt, und daß man
von dem Gesamtunterricht vor allem die sittliche Bildung als letzten und höchsten
Zweck erwarten kann, nein, erwarten muß. Zur sittlichen Erziehung gehört
aber notwendig die Religion, ja, man darf wohl sagen, daß es ohne Religion
keine wahre Sittlichkeit gibt. Beide sind untrennbar miteinander verbunden.
Die Erziehungsschule legt darum auch besonderen Wert auf den Religions
unterricht, aber auf einen solchen, der nicht verworrene Vorstellungen bildet und
unklare Gefühle erzeugt, sondern der auf Klarheit und Bestimmtheit des Vor
stellungslebens gegründet ist. Ihm weist sie eine zentrale Stellung im
Gesinnungsunterrichte an. Von ihm soll der Geist ausgehen, der in der Schule
waltet, seine belebenden Strahlen sollen erwärmend auf die übrigen Unterrichts
fächer fallen, zu ihnen soll er in Beziehungen treten, und die übrigen
Gesinnungsstoffe sollen mit ihm eine organische Verbindung eingehen, weil
darauf der Erfolg des Unterrichts, soweit er die Bildung des Willens bezweckt,
wesentlich beruht. Die Simultanschule dagegen isoliert den Religionsunterricht
von dem Übrigen Unterricht und weist ihm eine peripherische Stellung an. Da-

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