Zur Simultanschulfrage.
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durch zerstört sie die Einheit des Erziehungszieles und die Einheitlichkeit im
Gesinnungsunterricht. Mindestens zwei voneinander verschiedene religiöse Gedanken
kreise werden in den Zöglingen einer solchen Schulanstalt herausgebildet. „Diese
Gedankenkreise sind aber nicht nur einander an sich entgegengesetzt, sondern sie
übertragen den Gegensatz auch auf den sittlichen Gedankenkreis, der von dem
religiösen abhängig ist, wie er andererseits auf ihn zurückwirkt." So wird der
Religionsunterricht in seiner unterrichtlichen und erziehlichen Bedeutung wesentlich
geschädigt, wie auch der übrige Gesinnungsunterricht auf die befruchtende Wirkung
des Religionsunterrichts verzichten muß.
Auch der Unterricht in der Geschichte, in der Literatur und im Gesang
muß in der Simultanschule zu kurz kommen und Schaden leiden. Der Fach
lehrer muß auf wertvolle Stoffe verzichten, oder er muß sie einschränken und be
schneiden; manches darf er nicht vortragen oder behandeln, wie es nach den Re
sultaten der freien, kritischen Forschung recht und billig wäre, aus Furcht, an
zustoßen und die Gefühle des einen oder andern zu verletzen. Mit Recht betont
man, wie wichtig es sei, daß sich der Lehrer im Unterricht als volle und ganze
Persönlichkeit geben, daß er sich „ausleben" könne. Mit warmem Herzen soll
er den Schülern gegenüberstehen, sie sollen den Pulsschlag des persönlichen Lebens
fühlen; die Wärme des Gefühls, die von ihm ausstrahlt, soll die jungen Herzen
entzünden; seine Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne soll sie hin
reißen und entflammen. Wir, m. H., empfinden doch wohl täglich die ganze
Wahrheit des Dichterwortes: „Doch werdet ihr nicht Herz zu Herzen schaffen,
wenn es euch nicht von Herzen geht." Von Herzen kommen kann und darf es
aber dem Lehrer in der Simultanschule nur zu oft nicht. Immer größer wird
das strittige Gebiet, auf dem der Lehrer dort nicht aus innerer Überzeugung
reden darf, auf dem ihm die Wärme des Herzens und die Begeisterung per-
sönlicher Anteilnahme verwehrt wird, auf dem er nicht wie ein rechter Mann
der Wahrheit die Ehre geben darf, wenn er nicht befürchten will, den energischen
Widerspruch anders denkender Eltern und Schüler oder weiterer Kreise hervor
zurufen, wenn er nicht gewärtig sein will, in den Parteiblättern angegriffen oder
bei der vorgesetzten Behörde verklagt zu werden, was dann gewöhnlich ein pein
liches Verhör zur Folge hat. Es tut nicht not, Ihnen hier alle die Stoffe zu
nennen, deren Behandlung in der Simultanschule zu solchen Unannehmlichkeiten
führen kann, — sie sind Ihnen allen bekannt?) Schwierigkeiten ergeben sich
*) Aber fragen möchte ich doch: Wie soll der Geschichtslehrer allen seinen
Schülern, evangelischen wie katholischen, gerecht werden, wenn er beispielsweise die
Kämpfe zwischen Papsttum und Kaisertum im Mittelalter, wenn er die Zeit Heinrichs IV.
und der Hohenstaufen zu behandeln hat, wie, wenn die Geschichte der Reformation,
die doch für die gesamte Geisteskultur große Bedeutung gehabt hat, durchgenommen
werden soll? Und nun erst der dreißigjährige Krieg mit seinen großen kulturgeschicht
lichen Erscheinungen und Folgen!

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