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I. Abteilung. Abhandlungen.
überall. Und diese Not wird auch auf den höheren Schulen empfunden ; mußte
doch einst ein hochangesehener Gymnasialdirektor über die Spionage im Geschichts
unterricht ernstlich Klage führen. Der Herr Referent freilich sagt: Man muß
sich an die Tatsachen halten und die Geschichte rein objektiv behandeln. Das ist
gut gesagt, aber nicht so leicht getan. Die Tatsachen müssen doch verstanden
werden. Sie haben doch einen tieferen Grund, haben eine Reihe von Ursachen
zur Voraussetzung. Menschen mit bestimmten Weltanschauungen und bestimmten
Geistes- und Willensrichtungen, mit treibenden, ihnen eigentümlichen Motiven
greifen in das Rad der Geschichte ein. Die handelnden Personen sind doch keine
Marionetten. Man muß die Tatsachen zu deuten verstehen. Ich möchte an ein
bekanntes Wort erinnern: „Tatsachen sind Unsinn", — nämlich für den, der
nicht weiß, was sie bedeuten. Ein Naturforscher findet einen Zahn und kon
struiert in Gedanken eine vollständige Tiergestalt daraus. Wer aber dieselbe
„Tatsache" nicht zu deuten versteht, der sieht eben nur einen alten Knochen, von
dem er nicht weiß, warum er ihn aufheben soll. Die geschichtlichen Tatsachen
richtig zu „deuten" wird dem Lehrer in der Simultanschule oft recht schwer
werden, da eins der wirksamsten und wichtigsten Motive, das religiöse, un
beachtet bleiben muß; will er sie aber nicht deuten, sondern nur die «Tat
sachen" anführen, so erhält der Schüler vielleicht nur „historische, alte Knochen".
Wir glauben daher wohl berechtigt zu sein, zu sagen: Der Unterricht in der
Geschichte, in der Literatur und im Gesang muß auf wertvolle Stoffe verzichten
und wird zudem noch durch die den Lehrern auferlegte Rücksichtnahme auf die
Verschiedenheit der Konfession seiner Schüler in seiner Wirkung beeinträchtigt. —
„Eine solche Schule ist unter eine Lehrzensur gestellt, deren verstümmelnde
Striche tief in alle ethischen Unterrichtsfächer hineinfahren."
M. H.! Lassen Sie mich noch kurz einer Einrichtung gedenken, die mit
dem Schulleben in enger Beziehung steht und auf dasselbe von großem Einfluß
ist. Ich meine die Schulandacht. Wer von uns hätte noch nicht den Segen
verspürt, der auf der gemeinsamen Morgenandacht ruht, die wir mit unsern
Schülern zu halten gewohnt sind, den Segen, der unsern schweren Dienst und
unsere Tagesarbeil leise und lind begleiten muß! Da sammelt sich das Herz
zur Ruhe, da wendet sich der Blick für kurze Zeit von dem Irdischen ab, und
der Mensch wird sich bewußt, daß es Höheres und Besseres gibt; da richtet
man die „vielleicht mitgebrachte trübe oder verkehrte Stimmung bei sich und den
Kindern zurecht", und die nachfolgenden Stunden erhalten ihre Weihe. Würde
man die Andacht aus dem Schulleben streichen oder es unmöglich machen, sie
mit allen Schülern gemeinsam zu halten, es würde mir vorkommen, als wollte
man dem Tag sein Sonnenlicht nehmen, oder es könnte zutreffen, was Dörpfeld
sagt: „Was aus der Familie wird, wenn die Hausandacht verschwindet, und
was aus einer Stadt und einem Lande wird, wenn die Kirchenglocken ver

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