Pädagogik als Sport.
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sie gar leicht zu einem Sport. Das Ziel aller echten Pädagogik ist das Wohl
des unmündigen Nächsten, und ihr guter Geist ist die Nächstenliebe. Der Sport
soll nicht verachtet werden; aber für ihn liegt der Hauptzweck in der sportlichen
Betätigung selbst, und er hat daher nicht das Gepräge der Selbstlosigkeit, das
die wahre Pädagogik schmückt.
Es ist freilich viel schlimmer als sportsmäßiger Betrieb der Pädagogik,
wenn sie zum bloßen Handwerk wird. Denn hier handelt es sich im wesentlichen
um den klingenden Verdienst, dort doch meistens noch um die Pädagogik selbst.
Und immerhin hat diese mit dem Sport auch Bedeutsames gemein. Sie sowohl
wie er sollen der Pflege guter Kräfte dienen, und wie beim Sport die Freude
an der Kraft und ihrer Ausübung den höchsten Reiz des Strebend ausmacht, so
ist auch für den Pädagogen die Freude an der eigenen Erziehungskunst, an der
erziehlichen Tätigkeit selbst, von wesentlichem Werte. — Aber der „höchste Reiz"
soll für den Erzieher nicht im eigenen Können liegen, sondern in dem wachsenden
Können, im Fortschritt seiner Zöglinge.
Dementsprechend sollen alle pädagogischen Bestrebungen in ihrem
Innern eine gerade und kräftige Richtung auf den Zögling haben, — auf die Praxis.
Diese Richtung geht besonders dem Konferenzleben oft augenfällig verloren; und
jeder Lehrerkonferenz, die in ihrer Bearbeitung von Erziehungs- und Unterrichts
fragen nicht den entschiedenen Trieb zur Tat, zur praktischen Verwirklichung des
abstrakten Gewinnes, hegt und pflegt, wohnt ein Zug zum Sportsmäßigen inne,
der kein Vorzug ist. —- Mit wahrem Ingrimm verteidigt mancher Debatten
redner seine „unmaßgebliche" Meinung, oft wenn es sich um ganz nebensächliche
Dinge handelt, und Beschlüsse werden gefaßt, protokolliert und womöglich ver
öffentlicht mit einer Gewichtigkeit, als ob das Heil einer Welt daran hinge —
und nachher geht jeder zufrieden nach Hause, und seine Praxis ist nach wie vor
ein Ding für sich, und wenn etwa auf der nächsten Zusammenkunft noch weiter
über das alte Thema verhandelt wird, weil die Thesen noch nicht abgefertigt
sind, dann entsteht bei manchem die bescheidene und bezeichnende Frage: „Wie
war's doch noch? Was haben wir eigentlich ,abgemacht'?" — Solche Er
zeugnisse der Vereinstätigkeit sind totgeborene Kinder einer Pädagogik, die zum
Sport geworden ist, weil sie ihr wahres Ziel aus dem Auge verloren hat. Man
streitet sich auf den Konferenzen oft um des Kaisers Bart, und das ist noch
nicht das Schlimmste, denn sehr oft ist es wenigstens ein Zeichen des Eifers
für die gute Sache; aber daß vielfach alles, auch das erstrittene Gute, bloß zu
Protokoll genommen wird und nicht zu Herzen, und daß mancher so vollständig
zweierlei aus Theorie und Praxis macht, das ist eben das Schlimme.
Zweierlei macht man oft auch in der Wertschätzung aus Theorie und
Praxis der Pädagogik. Die Praxis wird vielfach gering geachtet gegenüber der Theorie,
besonders bei ihren berufenen Vertretern. Die Praxis soll das Aschenbrödel sein;
die Theorie kommt als „Wissenschaft" allgemach zu Ehren. Freilich ist sie eine
Wissenschaft; aber die Praxis ist die Kunst, und Kunst ist hier, um nicht zu
sagen: immer, mehr als Wissenschaft. Können und Tun ist mehr als Wissen
und Wollen. Die endgültige und in Wahrheit vornehmste Form alles echten
pädagogischen Strebens ist die Praxis, in ihr vollendet sich alle Pädagogik. Was
bloß in der Theorie ausgebildet wird. das ist unfruchtbar; nur die Praxis kann
die Mutter des Erfolges sein.

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