Pädagogik als Sport.
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solcher". Und niemand hat das Recht, einen Mitmenschen, und sei es auch
„nur" ein Kind, und sei es auch „nur" in einem einzelnen, „an sich" un
bedeutenden Falle, dem bloßen „Gemeinwohl" zuliebe, irgendwie wissentlich zu
gefährden. Sobald diese Gefährdung zum wirklichen Schaden für das Kind
wird, das als Versuchsobjekt dient, hat man ein, wenn auch oft nur geringes,
Opfer erzwungen, und das ist nicht christlich. — Freilich wäre es grundverkehrt,
mit dem unbedenklichen Experimentieren auch das denkende Beobachten in der
Schule zu verwerfen und das. was man in der Schule zu tun hat und erfährt,
nicht auch für die theoretische Pädagogik ausnutzen zu wollen. Aufgabe und
Kunst einer echt fortschrittlichen Pädagogik ist es, beiOe Interessen, das Interesse
des Zöglings und das der Wissenschaft, je und je im einzelnen Falle zu ver
einigen, soweit es möglich ist. Und unmöglich ist es nicht.
Aber gerade aus der vermeintlichen Fürsorge für den einzelnen Zögling
geht manchmal eine pädagogische Verfehlung hervor, die noch schlimmer als das
Experimentieren, übrigens mit diesem verwandt ist. Das ist das Auf-die-Probe-
stellen. Dies Unternehmen ist ein ausschließliches Recht der göttlichen Pädagogik.
Denn Gott allein weiß, wieviel Kraft jeder Mensch von ihm empfangen hat, er
kennt die sittliche Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Menschen. In der „Probe"
aber liegt immer eine gewisse Versuchung zum Fehltritt. Das Vorhandensein
einer besonderen Versuchung wird vor Gericht als Milderungsgrund gewertet,
und das ist human. Aber im höchsten Grunde inhuman ist es doch, einen
solchen „Milderungsgrund" gewissermaßen zuvorkommend bereitzulegen, ehe das
Vergehen geschieht. Und dies tut eben der Pädagog, der seinen Zögling in der
gedachten Weise auf die Probe stellt. Wenn nun der Zögling die Probe nicht
besteht, wenn er fällt — wer hat dann eigentlich die größere Schuld: der kluge
Probiermeister oder der schwache Prüfling? — Es muß bei dieser Sache noch
ein anderes besonders erwähnt werden. Das suchende Herz eines Zöglings kann
durch die Anmaßung des Erziehers, die in dem Auf-die-Probe-stellen zum Aus
druck kommt, so befremdet und so irre gemacht werden, daß man jene Handlung
wirklich ein frevles Spiel nennen muß, ein Spiel, das auf den größten pädagogi
schen Leichtsinn zurückweist. — Selbstverständlich handelt es sich im obigen nur
um das Erproben im sittlichen Sinne, in der Beziehung auf gut und böse.
Sonst müßte man schließlich ja auch Extemporale und Examen verwerfen, und
derlei Probestellungen, nämlich Erprobungen sittlich indifferenter Kräfte.
Das gewiffenlose Experimentieren sowohl wie das leichtfertige Auf-die-Probe-
stellen beruhen auf einer Überschätzung der Erzieherrechte einerseits und auf einer
Unterschätzung des persönlichen Wertes im kindlichen Zögling andererseits. Doch
ist für das Experimentieren wohl hauptsächlich der zweite Grund von Bedeutung,
während für die andere Verfehlung besonders der erstgenannte gilt.
Daraus, daß man die werdende Persönlichkeit im Kinde und ihre Rechte
nicht genug achtet, folgen übrigens viele pädagogische Sünden. In dem Buche
„Weide meine Lämmer!" betont Spurgeon gelegentlich, daß die Zeit, die der
Erzieher in der Schule zubringt, nicht ihm gehört, sondern den Kindern. Wenn
man das immer und überall bedächte, dann würde auch eine besondere Art von
Sport bald verblühen, die jetzt hier und da in Schulen wuchert, ohne mit der
Pädagogik auch nur das Geringste wirklich gemein zu haben. Manche Lehrer
haben die Neigung, in der Schule, auch in ernsten Stunden, fortwährend billige
Witze zu reißen, auf Kosten einzelner Kinder oder auf Kosten des behandelten

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