Selbstmorde im jugendlichen Alter.
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Versetzung, einmal der Streit des sehr aufgeregten Knaben mit der Schwester,
einmal die Entdeckung, daß der Überzieher versetzt war. Ein väterlicherseits
belasteter Knabe — Untersekundaner — forderte von seiner Mutter Geld, um
mit seinen Kameraden seinen Geburtstag zu feiern. Als er nur drei Mark
erhielt, entfernte er sich äußerst aufgeregt bei strenger Kälte ohne Überzieher
und Kopfbedeckung und wurde nach länger als drei Wochen mit Mauersteinen
beschwert im Mühlbach ertränkt gefunden. — Doch lagen oft auch tiefer gehende
Ursachen zu Grunde: Verzweiflung über ein organisches Leiden, über eine Ver
krüppelung der Hand, über die Bedrängtheit häuslicher Verhältnisse. — Einmal
war Induktion im Spiel: „Der starke Eindruck von dem Selbstmorde eines
Soldaten, der wenige Tage zuvor seinem Leben durch Erhängen — die auch
vom Schüler gewählte Todesart — ein Ende gemacht hatte."
Bei dieser Gruppe weist Verf. besonders auf den Alkoholismus hin:
„Ich brauche wohl kaum daran zu erinnern, daß sich gerade die aus Trinkerfamilien
stammenden Kinder durch besonders bedenkliche Veranlagung, durch Neigung zu
schweren Nerven- und Geisteskrankheiten, Verbrechen, Selbstmord vielfach in
unerfreulicher Weise kennzeichnen. Doch würde auch in derartigen Fällen
schwerer degenerativer Beanlagung ein möglichst frühzeitiges Erkennen und ein
dem entsprechendes Zusammenwirken hygienisch ärztlicher und pädagogischer Maß
regeln der traurigen Weiterentwicklung gewiß häufig genug vorbeugen oder sie
wenigstens in Schranken zu halten vermögen."
Die dritte Gruppe mit 59 Fällen hat für den Lehrer deshalb eine
große Bedeutung, weil es sich dabei um solche Jugendliche handelt, die von
vornherein wegen ihrer mangelhaften Begabung in eine höhere Schule nicht
paßten; daher „ungenügende Schulleistung, oft das quälende Gefühl, nicht in
die Schule hineinzupassen, ihren Anforderungen nicht gewachsen zu sein, trotzdem
aber durch äußeren Zwang darin festgehalten zu werden. Ein 16 jähriger
Neal-Ouartaner, der unter seinen viel jüngeren und kleineren Klaffengenofien
eine traurige Figur spielte, und der gern zur Landwirtschaft hatte übergehen
wollen, dem aber dieser Wunsch nicht erfüllt war, hinterließ zur Erklärung des
verübten Selbstmordes nur die lakonischen Briefworte: „Es ist bester so." —
In vielen Fällen drückte die unmittelbare Furcht vor der bei der Nichtversetzung
ihrer wartenden angekündigten harten Bestrafung den unglücklichen schwach-
begabten Schülern die Waffe in die Hand." Der Herr Verfasser schließt diesen
Abschnitt mit den bezeichnenden Worten: „Solche Fälle lehren in ihrer gleich
förmigen Häufung, daß die Verantwortung für die traurige Katastrophe in ganz
überwiegendem Maße das Haus und die Angehörigen, nicht die Schule
belastet, die höchstens durch zu weitherziges Entgegenkommen, durch zu große
Duldung zu fehlen scheint."
Die Selbstmörder der vierten Gruppe — 58 Fälle — kennzeichnen sich
durch Fehler und Schwächen des Charakters und im Zusammenhang damit
durch mehr oder weniger ungeeignete Lebensführung, vielfach durch Exzesse
erotischer oder alkoholischer Natur, wodurch sie von den Schulzielen abgelenkt
und einem körperlichen und seelischen Zusammenbruch zugetrieben wurden. „Es
sind das also z. T. die nervös reizsamen oder die der Widerstandsfähigkeit
ermangelnden, haltlos schwachen, z. T. aber auch durch großstädtisches
Treiben, durch Beispiel und Nachahmung verführten, früh ver
dorbenen Naturen." In einer ganzen Reihe von Fällen lagen vorzeitige Liebes-

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