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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens.
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Verhältnisse vor. — Von mehreren sehr begabten Schülern wird berichtet, daß
sie durch die Lektüre von Schopenhauer, Nietzsche und Ibsen verwirrt
und auf eine Verneinung des Lebens, auch des eigenen Daseins, Hingetrieben
worden seien. Dazu gesellte sich öfters an Größenwahn grenzende Überschätzung
des eigenen Ich, verfrühter schriftstellerischer Ehrgeiz. „Nur zu
häufig handelt es sich um eine weitreichende Verkettung psychischer und moralischer
Schädigungen und Verfehlungen: Onanie, verfrühter und unmäßiger Genuß
großstädtischer Vergnügungen, ausschweifendes Wirtshausleben, Verbindungs
treiben, Anknüpfung von Verhältnissen, Schuldenmachen, Veruntreuungen usw.
mit den unvermeidlichen Folgen in Schule und Haus und mit dem Revolver
schuß als Ende."
In 64 Fällen endlich führten mehr äußere Umstände der verschiedensten
Art die Katastrophe herbei. „In den meisten Fällen scheinen ärmliche und
unbefriedigende Verhältnisse im Hause, unerfreuliches Verhältnis zu
den Eltern, lieblose und einsichtslose Behandlung von Seiten der letzteren
(namentlich von väterlicher Seite) angeschuldigt werden zu müssen." So trieben
Gram und Scham über eheliche Untreue der Mutter oder über die Trunksucht
des Vaters einzelne Kinder in den Tod.
Am Schluß des Aufsatzes heißt es: „Versuchen wir das vorläufige
Gesamtergebnis zusammenzufassen, um den Anteil, den Haus und Schule
an dem Zustandekommen der Schülerselbstmorde haben mögen, ohne Vor
eingenommenheit abzuschätzen, so muß sich die Wagschale unzweifelhaft tief zu
Ungunsten des Hauses herabsenken. Gewiß ist auch die Schule nicht
von Mitschuld freizusprechen; mit ihren schematischen, und in mancher
Hinsicht veralteten und rückständigen Einrichtungen, mit ihrem
naiven Konservatismus, der immer gutgläubig überzeugt ist, daß, was vergan
genen Generationen getaugt habe, auch der neuen, so ganz anders beschaffenen
Generation in gleicher Weise tauglich sein müsse, mit ihrer viel zu geringen
Berücksichtigung der Schülerindividualitäten und diesen gegenüber vielfach ver
sagenden erzieherischen Leistung. Indessen, das sind Übelstände, die zum großen
Teile dem Betriebe der Schule als öffentlicher, den allgemeinen Staats
notwendigkeilen angepaßter Institution unvermeidlich anhaften, und deren nach
teilige Folgen überdies viel weniger zur Geltung kommen würden, wenn der
Schule nicht schon vielfach von vornherein ungeeignetes, minderwertiges und
belastetes Schülermaterial zuginge, und wenn ihre Bemühungen nicht durch die
schädigenden Einflüsse in Haus und Familie oft in so schroffer Weise durchkreuzt
und lahmgelegt würden. — Auf eines nur möchte ich zum Schluffe hinweisen,
nämlich auf das dringende Erfordernis einer gründlicheren Ausrüstung mit
psychologischem und psychopathologischem Wissen und Verstehen, für
den künftigen Pädagogen, wie für den künftigen Arzt, und für alle zur Mit
arbeit an den großen sozialpolitischen und sozialethischen Fragen berufenen,
führenden Klaffen und Schichten, — nicht zum wenigsten auch für die Frauen
— um den eigenartigen Anforderungen, den vielfach wandelbaren Äußerungen
des kindlich-jugendlichen Seelenlebens, sowie seinen mannigfachen Auswüchsen
und krankhaften Anomalien mit geschärfterem Erkennen und zugleich mit liebe
vollerem Anteilnehmen und Begreifen gegenüberzutreten." A.

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