Die 41. Hauptversammlung des Vereins für Herbartische Pädagogik. 383
Die Besprechung bewegte sich in der Hauptsache in zustimmendem Sinne.
Bei der Frage, ob die Kinder an stoffarmen, aber formal wertvollen Sacken Ge
fallen finden könnten, und wie sie dazu zu führen seien, wurde auf die Bedeutung
des Vorlcsens hingewiesen. Dabei empfehle es sich, etwas den Kindern Bekanntes
zu nehmen, z. B. der Arme und der Reiche (Grimm). Der Forderung, daß
man auch dem individuellen Bedürfnis Rechnung tragen müsse, schloß sich
der Referent an; es müßten auch Bücher da sein, die der freien Auswahl über-
lasien blieben. Es wurde gefordert, daß das Kollegium bei der Anschaffung
der Bücher herangezogen werde.
Die zweite Arbeit über die Frage: Sollen in der Volksschule auch
klassische Dramen und Epen gelesen werden? ging von der For
derung des neuen Berliner Lehrplans aus, daß in der Schule auch größere
Dichtungen im Zusammenhange zu lesen seien. Verf. tadelt den kaleidoskop
artigen Charakter des Lesebuches, das eine Fülle der verschiedenartigsten Stoffe
dem Kinde biete, deren Umfang meist so bemessen sei, daß sie in einer Lese
stunde wenigstens übersehen, wenn auch nicht völlig erfaßt werden könnten. ES
sei kein fortgehendes Interesse möglich, die Fäden müßten immer neu geknüpft,
Stimmung und Teilnahme immer neu geweckt werden.
Im Gegensatz dazu halten zusammenhängende Stücke längere Zeit an
demselben Stoffe fest. Schmierigeres wird durch den Gang der Handlung vor
bereitet, die größere Menge starker, zusammenhängender und wohlgeordneter
Vorstellungen ermöglicht eine nachhaltige Wirkung auf Gemüt und Willen.
Für die Behandlung in der Schule werden empfohlen: „Wilhelm Teil"
und „Hermann und Dorothea", für günstige Verhältnisse auch Uhlands
„Ernst von Schwaben." Bedenken werden geäußert hinsichtlich Lessings
„Minna von Barnhelm"; troß mancher Vorzüge des Stücks werde der
Charakter des Majors von Tellheim dem kindlichen Verständnis Schwierigkeiten
machen. Die „Jungfrau von Orleans" führe das Kind aus einen
national fremden Boden, vaterländische Stoffe, wie „Götz von Berlichingen",
„Wallenstein" und HeyseS „Belagerung von Kolberg" verdienten den Vorzug.
Ferner wird von Dichtungen mit erzählendem Charakter das „Ni
belungenlied" in schulmäßiger Bearbeitung und der „Robinson"
empfohlen.
In seinem Vortrage wies der Referent darauf hin, daß man früher das
Poetische nicht recht gewürdigt habe, auch Dörpfeld habe in seiner Lehrplantheorie
dem Ästhetischen nicht die ihm gebührende Stellung eingeräumt. Heute habe
die Poesie im Lehrplan eine führende Stellung, sie folge gleich nach der
Religion; sie führe das Kind in das Gebiet des Idealen, das tue unserer
Jugend not. Man solle nicht fürchten, sie durch zusammenhängende Dichtungen
aus ihrer Sphäre herauszubringen.
In der Besprechung wurde geäußert, ob man nicht lieber fragen müsse:
Dramen oder Epen; die Form des Dramas sei für das Kind sehr schwer.
Das Lesebuch fand im ganzen eine günstigere Beurteilung; die kleineren Sachen
seien noch keine „Häppchen", auch das kleinste Gedicht sei ein Ganzes. Das
Lesebuch dürfe nicht durch die zusammenhängenden größeren Sachen verdrängt
werden, es entspreche in seiner heutigen Gestalt dem geistigen Standpunkt der
Kinder vollständig. Es sei in seinem Aufbau nicht zusammenhanglos und eigne
sich vortrefflich dazu, die Kinder in das vielgestaltige Volksleben einzuführen. —

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