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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
mir nicht versagen anzuführen. Dort heißt es auf Seite 4: Früher wurde einfach
auswendig gelernt: das Leberblümchen hat blaue Blüten; jetzt würde man zur Er
klärung dieser Beobachtungstatsache etwa die folgende Kette von Schlüssen aufstellen:
Die Blüte des Leberblümchens lockt zum Zwecke der Bestäubung Insekten an. Sie
ermöglicht dies dadurch, daß sie auffällig ist, und kleidet sich in diejenige Farbe, die
dem Kolorit der Umgebung entgegengesetzt ist. Der Hintergrund, auf dem das Leber
blümchen blüht, ist bräunlichgelb gefärbt durch das den Boden bedeckende Welle Laub.
Die Gegenfarbe zu gelb ist nun aber blau. Demnach hat die Blüte des Leber
blümchens eine blaue Farbe. — Daraus würde also offenbar folgen, daß alle über
welkem Laube wachsenden insektenblütigen Pflanzen in blauer Farbe blühen wüßten."
— Nun läßt Kienitz-Gerloff eine Reihe von Autoren zu Worte, kommen, um zu zeigen,
wie verschieden die Urteile über den didaktischen Wert der Ökologie lauten. Dann
fährt er fort. „Es soll gewiß durchaus nichts gegen eine energische Betonung der
ökologischen Verhältnisse im Unterricht gesagt sein, ihre einseitige Berücksichtigung ist
aber ebenso schädlich wie überhaupt jede Übertreibung. Ich befinde mich in diesem
Punkte in voller Übereinstimmung z. B. mit meinem Freunde A. Hansen, Professor
der Botanik an der Universität Gießen, der sich auf der XI. Hauptversammlung des
Vereines zur Förderung des Unterrichts in Mathematik und den Naturwissenschaften
(Düsseldorf 1902) äußerte: Heutzutage verfährt man einseitig biologisch. Das ist ver
fehlt; richtig ist, wenn wir eine gleichmäßige Durchdringung der verschiedenen Gebiete
unserer Wissenschaft anstreben. Und auf derselben Versammlung sagte Geh.-Rat Vogel
(Berlin): Es hat sich in letzter Zell die Mode herausgebildet, auf die Systemallk wenig
Wert zu legen und fast verachtend auf dieselbe herabzublicken. Systematik ist nötig,
die Schüler müssen in ein Reich eingeführt werden, da ihnen auch die Natur in Reichen
gegenübertritt. Es ist auch vor der Strömung, die die Morphologie verwirft und nur
reine Biologie kennt, dringend zu warnen. Beschäftigt man sich im Unterricht nur mit
Biologie, so fehlt die Bestimmtheit, Klarheit, Festigkeit, und man verliert sich leicht in
Abstraktionen. Morphologie, Biologie und Systematik gehören
Eine Verbesserung! In einem Hilfsbuch für den Unterricht in der Geschichte von
Eckerts, neu bearbeitet von Direktor 1)r. Devichsweiler, ist eine eigenartige „Ver
besserung" in einem auf Johannes Hus bezüglichen Satze zu finden, die für das mo
derne Streben unserer Zeit bezeichnend ist. In den älteren Ausgaben hieß es: „Auf
eine Ladung erschien er zu Konstanz mit einem kaiserlichen Gelellsbriefe; er wurde
trotz desselben verhaftet, vor die Kirchenversammlung geführt und, als er sich hier
weigerte, seine Lehre zu widerrufen, als Ketzer verurteilt und mußte 1415 den Feuertod
sterben." Die 25. Ausgabe erzählt: „Auf eine Ladung erschien er zu Konstanz mit
einem kaiserlichen Geleitsbriefe, der ihm aber nur Schutz und Sicherheit für die Reise
gewährte; er wurde verhaftet, vor die Kirchenversammlung geführt" usw.
Hann. Schz.
Die Schwachsinnigen vor dem Strafrecht. Auf dem 5. Berbandstag der Hilfs
schulen Deutschlands sprach Oberamtsrichter Nolte aus Braunschweig über „die
Berücksichtigung der Schwachsinnigen im Strafrecht des deutschen
Reiches." Die Sache ist von großer Wichtigkeit, und wir teilen deshalb den Bericht
über den Vortrag und die Diskussion mit, den die „Leipziger Lehrerzeitung" bringt.
„Redner besprach die Bestimmungen des materiellen Strafrechts, die auf die Schwach
sinnigen Bezug haben und führte aus, das im Gesetz zwei Gründe vorgesehen sind, die
Strafe ausschließen oder mildern: Strafunmündigkeit oder mangelnde Ein
sichtsfähigkeit. Beide fallen unter das große Kapitel von der Zurechnungsfähigkeit,
d. h. die Tat wird nur dann zur Schuld, wenn sie ein Ausfluß des freien Willens
des Täters ist. Es gibt aber zahlreiche Fälle, in denen die Fähigkeit, den Willen frei
zu besttmmen, nicht gänzlich aufgehoben, sondern nur gehemmt ist, z. B. bei Trübungen
des Bewußtseins, starken Wellen, leichtem Schwachsinn rc. Diese Vermindert
zurechnungsfähigen, richttger Zurechnungsfähigen mit verminderter Schuld
werden bis jetzt nicht berücksichtigt. Geschützt sind sie nur insoweit, als sie jugendlich
oder taubstumm sind. Auch die Berechtigung des Richters, mildernde Umstände zu
bewilligen, gibt den Schwachsinnigen nicht den erforderlichen Schutz, da diese Berech
tigung nur für eine kleine Zahl von Verbrechen anwendbar ist. Die Unhaltbarkeit des
jetzigen, seit 30 Jahren bestehenden Zustandes ist von verschiedenen Seiten, auch nam
haften Strafrechtslehrern, anerkannt worden, aber es scheint unendlich schwierig, für die

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