Aus Zahns Leben.
399
Studierender gern annehme. Er wohnte damals in einer großen
Kaserne dort in der Nähe des Alexanderplatzes, die ihm vom Könige
war überwiesen worden, um für arme Weber und sonstige Arme eine
Art Beschäftigungsanstalt zu gründen.
Ich trat in dies große Gebäude ein. Der Eingang, Treppen,
finstre Gänge waren nicht sehr erfreulich. Ein Hausmann empfing
mich mit jener großstädtischen Ruhe und Gleichgültigkeit, die einem
Kleinstädter oft sehr wehe tut. Er meldete mich bei dem Herrn Baron.
Ich ward vorgelassen. Der liebliche Greis mit seiner edlen freien
Haltung, seinem gemessenen Wesen, empfing den jungen Fremdling
mit großer Freundlichkeit. Er war noch im Morgenanzuge, und es
lag jener milde Liebeszug auf seinem leuchtenden Antlitz, den die
wohl kennen, die ihn in dieser Stunde besuchten, wo er, angetan mit
Kraft und Liebe aus der Höhe, von seinem Schreibtisch aufstand, wo
er seine kurzen Liebesbriefe (so kann man sie wohl nennen) nach allen
Weltstrichen hin schrieb, meist an junge Theologen und sonstige
Arbeiter im Weinberge des Herrn. Und da lag die Losung der
Brüdergemeine neben ihm und das Brüdergesangbuch, dessen Kernlieder
ihm im allezeit bereiten Gedächtnis lagen, und von dem in der Regel
ein treffend Verslein in seine Feder floß. Da erhob er sich von seinem
Sitz, führte den Fremdling hin zu seinem Sopha und saß da neben
ihm, hörend und in kurzen Andeutungen sich äußernd, worein sich der
daran noch nicht Gewöhnte nicht gleich finden konnte.
Ich ward zu einem der nächsten Abende zum Tee eingeladen.
Ich erschien und fand da eine große Gesellschaft, Herren und Damen,
Theologen und Juristen, hohe Militärs und arme Studenten. Im
Betsaale ward von einem der anwesenden Theologen eine Bibelstunde
gehalten, und dann sammelte man sich wieder in den Zimmern, und
es erging sich alles in Zwiegesprächen. Hier eine Gruppe, dort eine
Gruppe. Und mitten durch bewegte sich die edle Gestalt des stillen,
anspruchslosen Greises, der mehr einer der Gäste, als der Wirt zu
sein schien, er herrschte durch seinen allen dienenden Sinn. Bald
sagte er diesem ein fteundlich Wort, ein anderer empfing einen Hände
druck oder einen vielsagenden Blick, und in allem schien ein stiller
Dank zu liegen, dafür, daß man zu ihm gekommen. Endlich kam er
auch zu mir, nahm den verwundernd in solchen Kreis hineinblickenden
Neuling beiseite und sprach: „Mein Geliebter! Dieses Zimmer, worin
wir hier versammelt sind, werden Sie mit noch einem lieben jungen
Freunde künftig bewohnen, wenn Sie es annehmen wollen; ich werde
morgen auf längere Zeit nach Schlesien verreisen und werde mich

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.