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I. Abteilung. Abhandlungen.
fteuen, wenn ich Ihnen einen kleinen Dienst damit erweisen kann,
denn ich höre, Sie haben noch kein Quartier." — Erstaunt sah ich
dem teuren Mann in die Augen, denn es war das schönste seiner
Zimmer, wenn auch der Residenz nach einfach, doch großartig genug
für einen armen Studenten. Ich konnte vor Rührung nicht viel
antworten, dankte durch einen Händedruck, und der liebe Baron rieb
sich gemütlich die Hände, zog lächelnd die Schultern ein, wie wenn
er hätte sagen wollen: „Wie bin ich stoh und dankbar, daß ich dir
einen Liebesdienst habe tun können."
Nun, so war meine erste Bekanntschaft mit diesem teuren Gottes
manne, mit diesem Patriarchen, wie ihn der Professor Tholuck nennt,
der ihn auch in ähnlicher Lage kennen lernte und in ihm einen
„Leitstern" fand, einen väterlichen Freund und Ratgeber?)
Von jener Zeit an ist nun der Dorf-Chronist mit dem teuren
Manne in ununterbrochener Verbindung bis zu dessen Tode geblieben.
Wenn er wieder in Berlin war, war er, da er auch nicht mehr in
seinem Hause wohnte, sein Tischgenosse, er lernte durch ihn die be
deutendsten Männer auf dem christlichen Lebensgebiet kennen. Denn
keiner dieser Männer kam wohl nach Berlin, ohne den Vater Kottwitz
besucht zu haben. Täglich war ein Kreis junger Theologen aus allen
deutschen Landen, aus Holstein, aus den freien Reichsstädten, aus der
Schweiz rc. an seinem Tische, und er sah dem jungen Volke, das sich
stei und offen in seiner Gegenwart aussprach, wie aus einer stillen
Friedenswolke heraus schweigend zu, oder eine interessante Geschichte
aus seinem reichen Leben mitteilend, oder einen Brief, die ihm in
Menge aus allen Landen zukamen und Bericht erstatteten, was auf
dem Gebiet des Reiches Gottes sich zutrug. Ich hatte eine Art Haus
recht, und er nannte mich nur seinen „lieben Franziskus". Wenn die
Tischreden wohl einmal sehr lebhaft gewesen waren und ich beim
Abschied um Entschuldigung bat, daß es ihm wohl zu laut gewesen,
so rieb er sich lächelnd die Hände und sprach: „Mein lieber Franziskus,
nur wahr bleiben." — Und damit sagte er viel. Er wollte kein
gemachtes Wesen.
Im Jahre 1823 machte ich mit ihm in seinem Wagen eine
Reise nach Schlesien und sah da sein Wirken für die armen Weber
im Gebirge, sein treues Pflegen jedes christlichen Samenkörnleins,
ging an seiner Hand durch Paläste der Großen und Hütten der Armen
Siehe Tholucks Schrift: „Die Lehre von der Sünde und vom Versöhner,
oder die wahre Weihe des Zweiflers."

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