Aus Zahns Leben.
411
siebenjährigen Laufe gebracht hat, der jüngeren Generation unbekannt
geblieben sind. Eines dieser Artikel, welcher durch zufällige Umstände
auch in weiteren Kreisen bekannt geworden ist, werde ich etwas näher
gedenken dürfen. Ich meine jenen Aufsatz („Über die Leitung des
Volksschulwesens"), worin Sie die Lage und Anliegen der Volksschule
hinsichtlich der Schulverfassung zur Sprache brachten, — der sich
unserm Erinnern um so mehr aufdrängt, da Ihre damaligen
Besserungsvorschläge in der Hauptsache selbst bis heute nur Weis
sagungen geblieben sind, die noch der Erfüllung harren. Auf den
Inhalt dieser Abhandlung einzugehen, verbietet der Charakter unseres
Festes. Aber ein formaler Gesichtspunkt gehört ja hierher. Ich
meine nicht dies, daß hier die Wünsche der Volksschule mit allem
Freimute vertreten wurden — selbst bei der Voraussicht, darob amt
liche Anfechtungen erdulden zu müssen. Denn daß Sie bei Ihrer
Berufsstellung für die Lage der Volksschule und ihrer Lehrer ein
Herz hatten, auch sich nicht scheuten, offen darüber zu reden, wo die
Umstände es zur Pflicht machten: das verstand sich bei einem Manne
von Ihrer Gesinnung und Denkungsart von selbst. Was ich meine,
ist etwas anderes. Ihr Aufsatz war das erste Beispiel in der
deutschen Schul- und Kirchengeschichte, wo die berechtigten Ansprüche
des Volksschullehrerstandes von einem Theologen und Schulmanne
auf positiv-kirchlichem Standpunkte vertreten wurden, und zwar aus
drücklich auch im Namen der christlichen und kirchlichen Interessen.
Schon als Unikum war dieses Beispiel bedeutsam, aber noch viel
bedeutsamer in einem anderen Sinne. Denn da jene Schulanliegen
bisher öffentlich nur von einem kirchlich indifferenten oder gar anti
kirchlichen Standpunkte verteidigt worden waren, während die Gegen
seite sich völlig gleichgültig verhielt oder nichts davon hören wollte,
so hatte dies die schlimme Folge, daß sich im Lehrerstande die Ansicht
wie ein pädagogisches Dogma festsetzte und ausbreitete: wer als
Lehrer treu zur Kirche und ihrem christlichen Bekenntnis halten wolle,
der müsse seine Standeswünsche zum Opfer bringen und an denselben
zum Verräter werden. Die furchtbaren Wirkungen dieser ganz natür
lich entstandenen Ansicht brauche ich nicht zu schildern. Ihr Aufsatz,
geehrter Herr Jubilar, hat in diese vernebelte Frage zum ersten Male
wieder Licht gebracht. Er zeigte den Schulmännern, daß bei der echt
christlichen Lebensanschauung die berechtigten Ansprüche des Schul
amtes und der Schularbeiter nicht nur nicht zu kurz kommen, sondern
vielmehr erst nach ihrem vollen Gewichte geltend gemacht werden
können. So ist denn auch diese literarische Arbeit eine bahnbrechende
30*

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.