Aus Zahns Leben.
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Besonders trat bei seinem Unterricht hervor, daß er den Menschen,
auch den religiösen, als einen werdenden, wachsenden erfaßte. Nichts
war ihm unausstehlicher, widerwärtiger, als die fertigen Leute, die
etwas wußten, konnten, nichts mehr zu lernen brauchten. So fest
sein Glaubensgrund war, so gewiß er sein Glaubensleben durch
fleißigen und täglichen Gebrauch der Heiligen Schrift zu pflegen
wußte, so lebhaft verfolgte er bis in sein hohes Alter die Arbeiten
der wissenschaftlichen Theologie, eifrig suchend nach Wahrheitsmomenten,
die er sich aneignen könne. Sein Sohn sagte mir, daß er sich auch
lange und eifrig mit Wellhausen beschäftigt habe.
Ist der Mensch ein werdender, wachsender, so muß die Haupt
sorge in der Erziehung auf den Anfang, den sichern Grund gerichtet
werden. Zahn betonte es gern: „Die Schule legt den Grund nicht,
kann ihn nicht legen." Wenn die Mutter das Kind in rechter Weise
sein Morgen-, Abend- und Tischgebet mitsprechen lehrt, es anleitet,
seine Unart auch dem Vater im Himmel zu bekennen und ihn um
Verzeihung zu bitten, seine Hilfe zu erflehen, wenn sie mit ihm für
den kranken Vater, die Geschwister betet und für freudige Erlebnisse
dankt, wenn Vater und Mutter nach Abrahams Vorbild ihre Kinder
und Hausgenossen lehren, daß sie des Herrn Wege halten und tun,
was recht und gut ist, so ist das eine Unterweisung, durch die für die
religiöse und ethische Bildung des Kindes nicht nur der Boden
bereitet, sondern auch Same ausgestreut wird, der unter Gottes Segen
zur fruchtbaren Entwicklung kommen kann. Was ist dagegen der beste
Unterricht in Kirche und Schule?
So erwächst dem Lehrer die Verpflichtung, mit dem Hause die
rechte Fühlung zu suchen, die erziehlichen Kräfte desselben zu fördern,
recht zu nutzen und einheitliche Arbeit mit ihm zu tun.
Nicht alle Familien legen guten Grund, und auch wo er gelegt
ist, sind Kirche und Schule der Sicherung und Pflege desselben nicht
enthoben. So wandte Zahn eine besondere Sorgfalt auf die Elemente,
und wie er es für etwas Großes hielt, wenn die Kinder auch nur ein
lebendiges Gottesbewußtsein mit aus der Schule brächten, so wandte
er auch bei seinen Seminaristen viel Zeit und Kraft daran, dieses
Bewußtsein in ihnen zu wecken und zu sichern.
So sorgfältig er in der Weckung des Lebens war, so sorgfältig
hütete er sich, durch unpassende Auswahl und Überfülle des Lernstoffes
das Wachstumsfähige zu ersticken, durch Pflege des mittelbaren Inter
esses das unmittelbare zu schädigen.

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