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I. Abteilung. Abhandlungen.
Nicht, als wenn er nicht auch manches betrachten und merken
ließ, was über das Verständnis des Schülers hinauslag, so z. B.
Liederverse. Aber wie er für die Anschaulichkeit der biblischen Ge
schichte auf die im Hause gewonnenen religiösen und ethischen An
schauungen baute, so ließ er den für die Kinder zu hoch liegenden
Spruch und Vers aus der biblischen Geschichte verstehen, legte ihn
den geschichtlichen Personen in den Mund. Wenn heute in Kirche
und Schule manches gelehrt wird, was ersichtlich über das Verständnis
der Schüler hinausgeht, tröstet man sich wohl leichtherzig damit, die
späteren Lebenserfahrungen würden das Gelernte schon bedeutsam
machen. Zahn teilte diese Leichtherzigkeit nicht. Wenn auch er auf
ein späteres Verstehen hoffte, so gründete er diese Hoffnung nicht nur
auf das ahnende Verstehen bei der Aufnahme, sondern vor allem auch
auf die Liebe und Achtung, mit denen die Aufnahme geschah.
Des eigentlichen Lernstoffes war bei ihm sehr wenig. Oft hat
er es ausgesprochen, ein wie großes Ding es sei, wenn alle Schüler
auch nur 6 gute Kirchen- und Volkslieder als unverlierbaren und
lieben Schatz mit ins Leben nähmen. Monatelang konnte er die
Seminaristen am Anfang der Religionsstunde eine Bitte mit Er
klärung sprechen lassen und in kurzer Besprechung ihren Inhalt neu
erläutern und so seinen Schülern zeigen, eine wie bedeutsame Kunst
es ist, dem scheinbar bekanntesten Stoff immer wieder neue Seiten
abzugewinnen, ihn zu vertiefen und neu interessant zu machen.
Darum war ihm auch die altpädagogische Forderung, einen bescheidenen
guten Stoff sich sicher anzueignen und auf ihn das Verwandte zu
beziehen, so sympathisch; ebenso die andere: Haltet euch an einerlei
Form.
Hollenberg sagt von seiner Präparandenzeit: „Es wurde tüchtig
gelernt. Ich trat zum erstenmal unter die Herrschaft des Zahnschen
Prinzips — so will ich es aus Dankbarkeit nennen — wenig
Stoff, aber diesen auch ordentlich treiben. Es wird Zahns Verdienst
bleiben, diesen großen Gedanken in seinem Kreise zur unbestrittenen
Maxime gemacht zu haben. Ohne Zweifel gereicht es ihm nicht zum
Nachteil, wenn einige seiner Zöglinge dies Prinzip in der Praxis
besser handhabten als er selbst. Als ich sein Naturell später kennen
lernte, begriff ich, daß es fast so sein mußte. Aber ist es nicht um
so erfreulicher, daß gerade er diesen alten tiefen pädagogischen Satz
wieder bei uns zu Ehren brachte?"*)
») Zahn hat es oft betont, daß zu der rechten Behandlung der elementaren
Stoffe, zu der Arbeit, dieselben den Schülern, und zwar allen, unverlierbar und

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