Aus Zahns Leben.
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Die Hervorkehrung des geographischen, geschichtlichen und archäo
logischen Außenwerks der biblischen Geschichte ist recht dazu angetan,
das Wissen des Schülers in das rechte Licht zu stellen. Ist dann
der Schüler auch noch auf die Sprache Kanaans etwas eingeübt, so
daß seiner Darstellung der erbauliche Ton nicht fehlt, so kann ihm
für gewöhnlich eine gute Zensur nicht fehlen.
Zahn war dies Außenwerk auch wichtig, wenn er es bezeichnend
auch oft in auffällig einfacher Weise behandelte. So konnte ihm
wohl die hohe Flügeltür am Klassenzimmer des alten Seminars
Palästina bedeuten. Wo die beiden Flügel zusammentrafen, war das
Jordantal, der Griff war Jerusalem, und danach ging dann die
weitere Orientierung vor sich. Wie hoch er nun auch das Verständnis
des Außenwerks schätzte, so sorgfältig hütete er sich, solches auch noch
so ansehnliche Wissen als an sich bedeutsam erscheinen zu lassen.
Bedeutsam war es ihm nur, soweit es sich als dienende Hilfe für
das Erfassen der eigentlichen Geschichte, also zum Verständnis der
inneren Vorgänge in den geschichtlichen Personen nutzbar erwies.
Man bekam immer den Eindruck: Geistliches kann nur als solches
verstanden und gerichtet werden; nicht das äußere Geschehen, sondern
die psychischen, die religiösen und ethischen Vorgänge wollen als das
Wesentliche erfaßt sein.
Man kann es wohl in Kleinkinderschulen bei Weihnachtsfeiern
und ähnlichen Gelegenheiten hören, daß die Kleinen über ihre Sünde
und den Sünderheiland reden, als wären sie alterfahrene Leute. Der
einsichtige Lehrer wird sich Ähnliches nicht zuschulden kommen lassen;
ich glaube aber doch, sagen zu dürfen, daß es wenig Religions
unterricht gibt, in dem man bei den Schülern wie Lehrern die deut
liche Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem merkt. Ich
weiß wohl, daß zu dieser Unwahrhaftigkeit ein Heer von verderblichen
Umständen treibt; es ist aber auch gewiß, daß die Fruchtlosigkeit des
Religions- wie überhaupt des Gesinnungsunterrichts wesentlich darin
lieb zu machen, nicht nur tiefe Durchdringung derselben seitens des Lehrers, sondern
auch bedeutendes unterrichtliches Geschick, vor allem aber Festigkeit des Willens,
überhaupt Charakter gehöre. Dem geistreichen, beweglichen Zahn mußte es außer
ordentlich schwer fallen, sein Prinzip zur Durchführung zu bringen, und wenn dies
durch ihr Naturell mehr dazu begünstigten Schülern besser gelang, war dies aller
dings sehr erklärlich. Wer den lebhaften, geistsprühenden Mann kannte, versteht es,
welche Überwindung es ihm kostete, der Erzählung einer biblischen Geschichte zu
zuhören, ohne dieselbe durch Fragen oder Bemerkungen zu unterbrechen, und welche
Anerkennung es verdient, daß gerade er das seinem Naturell so wenig zusagende
Prinzip so unentwegt betonte und festhielt.

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