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I. Abteilung. Abhandlungen.
begründet ist, daß man vielfach geben will und muß, was man nicht
hat, und nicht unterscheidet zwischen dem, was man mit ganzer
Person zu vertreten und zu pflegen vermag und dem, zu dem man
selbst wartend und hoffend hinaufsieht, sowie dem, dessen Erfassung
jetzt noch unmöglich erscheint; ebenso ist gewiß, daß die für die
religiöse Unterweisung hergebrachte Sondersprache das versuchliche
Mittel bietet für den herrschenden verhängnisvollen Unfug.
Zahn suchte mit allem Fleiß die gefährliche Sondersprache fern
zu halten und gewöhnte seine Schüler, schlicht und recht zu sagen,
was sie zu sagen hatten und sagen konnten. Wenn in der Religions
stunde die Meinungen der Seminaristen kraß gegeneinander standen,
so sagte er wohl: Man sieht doch, wie verschieden die Leute sind, und
warf seine Autorität so wenig ins Mittel, daß auch nach der Stunde
noch Streit darüber sein konnte, welcher Meinung er denn gewesen
sei. Die Rücksichtnahme auf die freie Entwicklung des Einzelnen ging
so weit, daß ehemalige Schüler Zahns sich wohl unklar darüber sein
konnten, wie Zahn zu den einzelnen Fragen des religiösen Lebens
gestanden hatte. Sie hätten es allerdings wissen können, denn wenn
Zahn auch willig anerkannte, was von ehrlicher Überzeugung getragen
war und gesunde Weiterentwicklung versprach, so hielt er doch mit
seiner persönlichen Auffassung nicht zurück.
Zahn wußte, daß man von einem Menschen nicht mehr zu
fordern berechtigt ist, als daß er für die Ausbildung seiner Einsicht
nach besten Kräften sorge und sich dann bestrebe, sein Wollen und
Tun dieser Einsicht gemäß zu gestalten, daß bei keinem Unterricht die
Resultate weniger in der Hand des Lehrers stehen, als bei dem in
der Religion, daß es nicht immer die schlechtesten Bäume sind, die
erst spät Früchte tragen; und darum wußte er auch, daß das geduldige
Tragen und Wartenkönnen unerläßlichste Eigenschaft des Erziehers zu
religiösem Leben ist. So lag ihm nichts ferner wie methodistische
Treiberei, und wie ernst er auf anständige Lebenshaltung drang, so
fern lag es ihm, durch Aufrichtung einer peinlich gesetzlichen Haus
ordnung Musterschüler zu erziehen. „Macht euch nicht gemein!"
„Denkt an des Apostels Wort Phil. 4, 8." So geduldig er die
Beschränkten und Schwachen tragen konnte, ebensowenig Gnade fand
vor ihm alles Unlautere oder Gemeine. Er hatte dafür ein un
gewöhnlich feines Sensorium. Ich erinnere mich verschiedener Fälle,
wo sehr begabte Schüler zur Verwunderung ihrer Kameraden ihm
nie etwas recht machen konnten, stets scheinbar hart zurechtgewiesen

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