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I. Abteilung. Abhandlungen.
geschriebene Maß Ziegel da ist?) Ihm ging es wesentlich um den
Geist, in dem der Lehrer seinen Beruf erfaßte, also um die Liebe zu
den Kleinen, um die Hingebung und Treue in der Arbeit an ihnen;
ihn nach Gesinnung und Geschick zu fördern, erachtete er als die
wesentliche Aufgabe seiner Revision. Er kam einmal in eine bergische
Schule, deren Lehrer ein für seinen Beruf begeisterter, fleißiger und
treuer, aber auch beschränkter Mann war. Lebhaften Anteil nahm er
an der fleißigen Arbeit des begeisterten Mannes, freudig erkannte er
die Ergebnisse derselben an, hütete sich aber wohl, von dem zu reden,
was über den Befähigungskreis des Mannes hinauslag. Bald danach
erzählte er Dörpfeld, der den Kollegen auch kannte und schätzte, von
dem Guten, was er bei der Revision gesehen und schloß dann mit
den bezeichnenden Worten: „Es ist doch ein eigen Ding, die Pferde,
die Scheuklappen tragen, gehen doch immer die sichersten Schritte."
x ) Vor 35 Jahren kam ein leberkranker Revisor in eine mi« bekannte Schule,
deren Lehrer ein alter treuer Mann war, der unter sehr ungünstigen Verhältnissen
arbeitete. Der Revisor hatte sich von einem vorher von ihm revidierten Lehrer
eines Nachbarortes begleiten lassen und machte nun in dessen Gegenwart und vor
den Schülern dem alten Manne so bittere Vorhaltungen über seine mangelhaften
Leistungen, daß nach Schulschluß die jüngste Tochter, die das miterlebt. hatte,
weinend zur Mutter eilte, ihr um den Hals stürzte und erzählte, was sie von dem,
was dem Vater geschehen war, begriffen hatte, worauf die beiden dann den bleichen,
zerschlagenen Vater abholten und mit ihm weinten. Der Lehrer ist über 30 Jahre
tot; sein Name steht noch in gesegnetem Andenken in seiner Gemeinde. Die Revision
hatte ihn gebrochen.
Vor einigen Jahren erzählte mir ein alter katholischer Kollege, den ich auf
einer Rheinreise kennen lernte: „Ich bin immer ein begeisterter Schulmeister ge
wesen. Seit wir aber den Rat X haben, der durchaus die Schulen heben will
und mit nichts zufrieden ist, ist mir die Arbeit verleidet. Ich könnte Ihnen
wenigstens ein Dutzend Kollegen nennen, die er unter die Erde gebracht hat. Ich
lasse mich pensionieren, sobald es angeht."
Es ließen sich diese Beispiele leicht zu einer obronigue Zcanäaleuse vermehren.
Ich erzähle die beiden Erlebnisse nur, um anschaulich zu machen, wie bedeutsam es
war, wenn Zahn von dem bloßen Feststellen der Arbeitsergebnisse bei den Schul
revisionen nichts wissen wollte. Der ersterwähnte Kollege würde das Vorkommnis
weniger tragisch genommen haben, wenn er bedacht hätte, daß er es mit einem
kranken Manne zu tun hatte. Im allgemeinen wird es sich empfehlen, bei solchen
Erlebnissen sich der außerordentlichen Schwierigkeiten bewußt zu bleiben, die auch
der beste Revisor in seinem überlasteten Amt zu überwinden hat.
Sehr zu bedauern ist es, daß in unserer bureaukratischen Zeit der leidige
Bureaukratismus auch die Gebiete erfaßt hat, die, wie alle geistigen, ihn nicht
ertragen können. Statt sich durch Weisungen von oben gebunden zu fühlen, sollten
Schulaufsichtsbeamte mit möglichst weitgehender Freiheit ihren Beruf nach bestem
Wissen und Gewissen erfüllen können.

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