Aus Zahns Leben.
423
Zahn muß die Bedeutung der Revisionen besonders schätzen
gelernt haben, hat er doch nach seinem Abgang vom Seminar (1857)
während einiger Jahre das Amt eines Schulpflegers im Kreise Mörs
verwaltet. Wenn man die vielen freudigen Berichte über die von
ihm vorgenommenen Revisionen hörte, hätte man wohl annehmen
können, er sei deshalb so beliebt, weil er nicht zu tadeln wage. Diese
Annahme wäre sehr verkehrt gewesen; er war im Gegenteil sehr
empfindlich gegen Schäden und Gebrechen des Schullebens und gab
seinen Gefühlen und Gedanken rücksichtslosen Ausdruck. So kam er
vor stark 50 Jahren unerwartet in die Mittelklasse einer dreiklassigen
bergischen Volksschule, deren Lehrer bei seinem Eintritt abwesend war.
Die Kinder saßen unbeschäftigt, aber in größter Ordnung. Ohne die
Rückkehr des ihm unbekannten Hülfslehrers abzuwarten, stürmte
Zahn zu dem Hauptlehrer und fragte ihn, was für einen Tyrannen
er in seiner zweiten Klasse habe. Es hielt dem Hauptlehrer schwer,
den Herrn Direktor davon zu überzeugen, daß der junge Kollege
erfreulicherweise eine gute Zucht zu üben verstehe, aber von harter
Behandlung der Kinder bei ihm gar keine Rede sein könne. Zahn
fteute sich dann aber um so mehr, als er bei der weiteren Inspektion
der Klasse das Urteil des Hauptlehrers bestätigt fand. Was ihn
zunächst so in Harnisch brachte, war die Überzeugung, daß sowohl
Schulunterricht als -zucht nur Wert haben, wenn sie den wirklichen
Menschen bilden; hier vermutete er nicht ohne scheinbaren Grund
eine ihm greuliche Dressur. Er unterließ es auch nicht, den jungen
Lehrer vor der ihm naheliegenden Überschätzung der äußern Ordnung
zu warnen.
Wie durch seine Revisionen, so suchte Zahn auch durch die Her
ausgabe der Schul- und Dorf-Chronik und durch Konferenzen den
Lehrern Anregung und Pflege zu bieten. Um ein Doppeltes handelt
es sich dabei, um den Erwerb, die Bewahrung und Förderung des
rechten Sinnes, ohne den die Freude an der Schularbeit und der
rechte Friede fehlen, dann um die rechte Erfassung und Behandlung
der im Unterricht, der Regierung und Zucht zu lösenden Aufgaben im
Ganzen und Einzelnen. Beides kann und sollte zusammen sein, ist's
aber nicht immer. Bald nach 1848 wurden Stimmen laut, die in
der weitergehenden Lehrerbildung eine Gefährdung des rechten Sinnes
sahen, und Herr v. Kleist-Retzow konnte im Herrenhause berichten,
daß die bescheiden ausgerüsteten Schüler des Hülss-Seminars zu
Zoppenbrück, dem er als Oberpräsident der Rheinprovinz nahe ge
standen hatte, von vielen Gemeinden besonders gewünscht worden

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.