Frei und Fromm.
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die Kunstentwicklung wie alles Menschliche Naturgesetzen, aber sie ist keineswegs
ein Produkt bloß der Zeit, sondern auch des Volkstums, und es steht nicht das
Geringste im Wege, das Volkstum für den stärkeren Faktor zu halten. Weiter
sieht, wer die Zeitbedingungen kennt, noch keineswegs in die Geheimnisse der
Kunst; dazu bedarf es der Kenntnis der Kunst- und bestimmter psychologischer
Gesetze, die keineswegs von der Zeit abhängig sind, und zur Erwerbung dieser
Kenntnis gehört eine besondere ästhetische Veranlagung. Das Ideal des Zeit-
richtigen, Zeitreifen — das sind natürlich nur Umschreibungen des leeren Be
griffs „modern" — ist dann geradezu komisch. „Ja, wer bestimmt denn", so
fragte ich in meiner Broschüre „Kritiker und Kritikaster" Herrn Lothar, „ob
etwas zeitrichtig und zeitreif ist? Das internationale Judentum? Darauf wird
es wohl zuletzt hinauslaufen. Es sind aber doch immer sehr verschiedene Strö
mungen in der Zeit, und jeder erklärt die, mit der er schwimmt, für die richtige."
Natürlich, die Kunst als Ganzes läßt sich nicht in ein Dogma pressen, sie kann
als solche nicht ohne weiteres schön und sittlich, fromm (in religiösem Sinne)
und angenehm sein, aber Herr Lothar vergißt ganz, daß die Kunst von Indi
viduen geübt wird, und an diese dürfen wir zweifellos unsere Anforderungen
stellen, denn sie sind durchaus verantwortlich für das, was sie schaffen. Es gibt
zwar in unserer Zeit auch Leute, die, wie sie die Verbrechen der Gesellschaft
und nicht dem Einzelnen zuschieben, die Kunstübung gleichfalls außer Verant
wortlichkeit setzen, in mißverständlicher Auffasiung des „unbewußten" Schaffens
nämlich, aber ich bezweifle doch sehr, ob sich irgend ein bedeutenderer Künstler
mit dem Verbrecher auf die gleiche Stufe stellen wird — in der Tat weiß auch
jeder wirkliche Künstler, was er schafft, weiß es wenigstens nach Vollendung
seines Werkes, wenn auch das eigentliche Schaffen, wie jeder Lebensprozeß, die
Reflexion ausschließt, und er weiß vor allem, daß er für die Veröffentlichung
seines Werkes verantwortlich ist. So kann man allerdings sagen, daß die Kunst
„frei" ist, d. h., daß jedes Werk durch einen Willensakt des Künstlers in die
Welt tritt, und sie soll auch frei sein, d. h. wirkliche Kunstwerke sollen nicht
unterdrückt werden. Das wiederum ist aber auch nicht nötig, da wirkliche Kunst
werke eben auch „fromm" sind, d. h., daß sie zwar das ganze Leben dar
stellen, aber keine freche Entblößung des Lebens sind, Pietät besitzen. In diesem
allgemeinen Sinne hatte ich den Ausdruck „fromm" gebraucht, wie der Begleit
satz „Kunst ist nicht bloß Können, sondern auch Wollen, sittliches Wollen" klar
erwies — Herr Lothar hatte mir aber selbstverständlich den Begriff der religiösen
Frömmigkeit untergeschoben, man ist ja bei einem großen Teil des modernen
Publikums ohne weiteres „rückständig", wenn man religiös gesinnt ist.
Die Kunst ist frei, ganz gewiß ist sie frei. Ja freilich, der Künstler muß,
er hat sein Bild der Welt gemäß seiner Natur und seinem Talent aufgenommen,
der Drang, es wieder in die Welt zu „projizieren", ist unwiderstehlich, und diese
Projektion geschieht abermals gemäß seiner Natur und seinem Talent, aber alles
das hebt die Verantwortlichkeit des Künstlers nicht auf, er ist ja nicht allein auf
der Welt, sondern Mitglied der Gesellschaft wie jeder andere Mensch (der ja
übrigens auch gemäß seiner Natur lebt und schafft), und die Gesellschaft kann
nur existieren, wenn sie die „Fiktion des freien Willens" (wie wir einmal sagen
wollen, ohne uns darum ohne weiteres zum Determinismus zu bekennen) auf
recht erhält. Haben wir das Wort „frei" bisher in dem Sinne ungefähr von
„freiwillig" gebraucht, so kann man das „die Kunst ist frei" weiter auch als

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