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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
„sie ist unbeschränkt", in ihrer Entstehung und Wirkung nicht zu behindern,
auffassen. Und zwar ist sie das a priori und unter allen Umständen, wie sich
auch der einzelne Staat zu ihr stellt. Diese Behauptung wird natürlich großem
Widerspruch begegnen, und man wird auf die vielen Verbote von Kunst
werken usw. hinweisen. Demgegenüber brauchte ich bloß zu fragen: Könnt ihr
mir vielleicht ein wirkliches Kunstwerk nennen, das durch staatliche Maßnahmen
von der Erde verschwunden ist? Hat sich nicht noch jedes absolut sicher durch
gesetzt, auch wenn es noch so bedenklich erschien? Ist nicht selbst die gemeine
Literatur fast aller Zeiten und Völker erhalten geblieben? Das letztere erklärt
sich einfach daher, weil die menschliche Gemeinheit nie ausstirbt; was aber die
wirklichen Kunstwerke anlangt, nun, so sind die eben in Wirklichkeit nie „be
denklich", erscheinen nur manchmal so, und meist auch nur inferioren Geistern,
so daß man, selbst wenn einmal ein Verbot eintritt, um ihr Schicksal nicht
besorgt zu sein braucht. Nein, die Kunst ist äs facto frei, was man übrigens
auch historisch nachweisen kann: Lessings „Emilia Galotti" und „Nathan", Goethes
„Werther" und „Faust", Schillers „Räuber" und „Kabale und Liebe", Hebbels
„Judith" und „Maria Magdalene", in einem gewisien Betracht sicher revo-
lurionäre Werke (wenn auch keinem gesunden Staat und erst recht keinem ge
sunden Volkstum gefährlich) sind samt und sonders in absolutistischen Zeiten er
schienen und trotzdem nicht unterdrückt worden. Was befürchtet man da in
unserem liberalen Zeitalter, wo die Presse durch fortgesetztes Schreien geradezu
alles verhindern, wenn auch nichts schaffen kann? „Aber warum gibt man denn
die Kunst nicht formell frei, warum hebt man nicht beispielsweise die Theater
zensur auf, wenn sie doch äs facto frei ist?" Ja, die wirkliche Kunst frei
geben und der gemeinen Afterkunst die Volksvergiftung ohne jeden Versuch einer
Gegenwirkung gestatten, ist doch noch zweierlei. „Es ist aber oft nicht möglich,
zu sagen, ob ein Werk zur Kunst oder zur Afterkunst gehört, und da wirkliche
Kunstwerke doch einmal bedenklich erscheinen können, so wollen wir die allgemeine
Freiheit." Also, weil einmal eine gute Wirkung durch ein Verbot unterbunden
werden kann, soll die notorische Volksvergiftung gestattet sein? Ja, so hebt doch
auch die Zuchthäuser und Gefängnisse auf, weil einmal ein Unschuldigverurteilter
darin sitzen kann. Im übrigen ist, sage ich nun wieder, wahre Kunst nicht
bloß frei, sondern auch „fromm", und an eben dieser ihrer „Frömmigkeit" ist sie
zu erkennen.
Was ich unter fromm zunächst verstehe, habe ich schon gesagt: Die Kunst
soll das ganze Leben darstellen, aber sie soll keine freche „Entblößung" des
Lebens sein, soll Pietät haben. Auszuschließen ist von der Kunst kein einziger
Stoff: Das Künstlerauge kann alles sehen, das Künstlerherz von allem ergriffen
werden, es gibt nichts auf der Welt, was dem Dichter, um von diesem im
besonderen zu reden, fremd ist, woran er nicht auch das Edelmenschliche zeigen
könnte. Als den Hauptzweck der Literatur hat man bezeichnet, daß sie der
Menschheit durch treue Fixierung jedes symbolischen Lebens- und Entwicklungs
prozesses zu einem immer klareren Selbstbewußtsein verhelfen solle, Literatur aber
ist ein weiterer Begriff als Kunst, und so darf man wohl zunächst alles das
der wissenschaftlichen Literatur überlassen, was diese sicherer feststellt als die
Kunst, so eine ganze Reihe sozialer Aufgaben, die auch durch die Darstellung
der Kunst keineswegs gelöst werden können. Unter Umständen reden die nackten
Zahlen der Statistik eine viel deutlichere und kräftigere Sprache als das Kunst-

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