Frei und Fromm.
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werk, und so lasse man sie auch reden und lue nicht, als ob jede soziale Not
oder sittliche Verkommenheit durch die Kunst „illustriert" werden müffe. Es
enthält aber auch schon jene Definition des Zweckes der Literatur in der Be
zeichnung „symbolischer Lebens- und Entwicklungsprozeß" die für die Kunst not
wendige Beschränkung in der Stoffwahl oder doch der Stoffbehandlung: Ja
gewiß, die Kunst hat einen Lebens- und Entwicklungsprozeß zu geben und
schon dadurch ist sie davor geschützt, die Wirklichkeit in unangemessener Form in
das einzelne Werk zu bringen, denn da sich in einem Prozeß alles gegenseitig
bedingt, so wird eben deshalb der einzelne Teil nicht unverhältnismäßig hervor
treten und eine Entblößung des Lebens bedeuten; weiter aber schließt die For
derung, daß der Lebens- und Entwicklungsprozeß auch noch „symbolisch", d. h.
für die ganze Menschheit bedeutsam sei, jene Entblößung erst recht aus, da das
Gemeine nie symbolisch, sondern eben gemein ist, d. h. unter dem Niveau liegend,
wo der Mensch anfängt, und deshalb auch künstlerisch unbrauchbar ist. Man
lasse sich gerade hier nicht irre machen: Ganz gewiß, auch die niederen Triebe
im Menschen kommen für die Kunst in Betracht, aber nur als Motive, eine
wirkliche genaue Darstellung ihrer Exzesse ist überflüssig, weil sie ein Teil der
Leser kennt, wer sie aber nicht kennt, sie auch nicht kennen lernen soll, jedenfalls
nicht durch die Kunst. In der Tat haben auch alle wahren Künstler früherer
Zeit nur „angedeutet", erst der neuesten Literaturentwicklung war es vorbehalten
zu ..zeigen", aber auch in ihr haben alle guten Talente wieder Maß gehalten
oder doch höchstens nur in jugendlichem Sturm und Drang gefehlt. Das ist
ja auch früher vorgekommen, und ich habe keineswegs die Absicht, die Kloster-
Erinnerung Spiegelbergs in Schillers Räubern zu verteidigen, obschon sie für
den Charakter Spiegelbergs bezeichnend ist und ihren Ausgleich in dessen Lumpen-
Schicksal findet; wer aber etwas war, hat sich dergleichen, wenn er reifer ward,
auch nicht mehr zu schulden kommen lassen, so auch Schiller nicht, an dessen
sittlicher Größe im ganzen nicht zu rühren ist. Und auch Gerhart Hauptmann
hat die überflüssige Kraßheit seiner ersten Stücke überwunden. Manches Gewagte,
worauf die Freunde der falschen Freiheit der Kunst und auch ihre Gegner,
natürlich aus verschiedenen Gründen, hinzuweisen pflegen, erweist sich bei näherer
Betrachtung als ganz notwendig und keineswegs bedenklich: Dazu gehört beispiels
weise die Scene in Hebbels „Judith" nach der Ermordung des Holofernes —
sie ist unentbehrlich, die Spitze des ganzen Werkes, aber sie wirkt auch gar nicht
sinnlich, sondern eher unheimlich. Aber natürlich ist sie auf der Bühne kaum
so denkbar, da sich die Schauspielerin für sie schwerlich finden würde. Wir sind
also, um jetzt zu rekapitulieren, weit entfernt, irgendwie der Prüderie Einfluß
auf die Beurteilung von Kunstwerken zu gestatten, aber wir behaupten anderer
seits, daß wahre Kunst keine Veranlassung hat, von irgend einem Dinge den
Schleier abzuziehen, unter dem man es im Leben läßt, oder daß, wenn sie im
Dienst einer höheren Wahrheit dies doch tut, dabei nie eine wirkliche Entblößung
stattfindet, ja, nicht einmal eine Beunruhigung der Phantasie. Die Kunst ist
fromm, die Kunst ist keusch. Man versuche nicht etwa, einen Ausspruch wie den
Hebbels in dem Vorwort zu seiner „Julia" gegen mich anzuführen; wenn
Hebbel schreibt: „Ich behaupte, daß gar kein Drama denkbar ist, welches nicht
in allen seinen Stadien unvernünftig und unsittlich wäre," so hat er da
bloß das Überwiegen der Leidenschaft, sei es welcher Art, in den einzelnen Stadien
im Auge, die Problemdurchführung, aber nicht die Darstellung. In ihr hat er

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