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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
ja auch als Dichter stets das Maß gewahrt, und wer beispielsweise an dem
Zustand der Heldin in der „Maria Magdalene" Anstoß nimmt, der ist eben
prüde, die Darstellung gibt ihm keine Veranlassung. Gerade Hebbel hat ja die
Poesie als das Gewissen der Menschheit bezeichnet und damit den höchsten Stand
punkt für sie gefunden. Darum soll die Kunst nicht etwa aufhören, auch die
Fülle und Schönheit des Lebens darzustellen, was in der Welt ist, darf auch in
der Kunst sein, aber auf das „Wie" kommt es an. Unter keinen Umständen
darf ihr je die „interessante Situation", die Bedenklichkeit Selbstzweck werden;
wo das geschieht, ist stets ein Mißbrauch der Kunst, und mag er auch von einem
großen Künstler herrühren. Die wirklich großen werden übrigens schwer auf
einem solchen zu betreffen sein, namentlich nicht die germanischen. Eigentliche
Frivolität hebt die Kunst vollständig auf, dagegen ist in ihr der Cynismus am
rechten Orte als Kunstmittel eher zu dulden.
So viel im allgemeinen. Im besonderen zur modernen Literaturentwick
lung möge noch gesagt sein, daß man sich in gewissen Kreisen einzubilden scheint
oder doch so tut, als ob ästhetische Behandlung irgend eines Stoffes den Frei
brief zur Unsittlichkeit gäbe. Wir haben jetzt eine große Literatur, die nur durch
ihre Bedenklichkeit existiert und dies auch sehr wohl weiß, aber sich dennoch an
stellt, als ob sie vollberechtigte Kunst wäre. Sie wählt irgend einen bedenklichen
Stoff, ein unsauberes Verhältnis des modernen Lebens und stellt dies |tn möglichst
vielen verfänglichen Situationen dar, angeblich natürlich, um Beiträge zur Er
kenntnis der Gegenwart zu liefern. Schon zur Zeit, als der Lex-Heinze-Kampf
tobte, war diese Art Literatur sehr umfangreich, und ich schlug schon damals
Maßregeln gegen sie vor, wenn ich auch dem Gesetzentwurf wegen seiner schlechten
Fassung nicht zustimmen konnte; jetzt stehen die Dinge so, daß selbst der Goethe
bund, der gegen die Lex-Heinze begründet wurde, einen Tag mit veranstaltet, auf
dem über die Bekämpfung der unsittlichen Literatur, nicht durch das Gesetz, aber
privatim, verhandelt werden soll. Es kann dabei natürlich nichts herauskommen;
denn diejenigen Elemente, welche uns die bedenkliche Literatur schaffen, sitzen ja
zum Teil mit im Goethebunde, und sie werden sich schön hüten, ihr Geschäft zu
ruinieren, ihre Position in der Literatur zu zerstören. Hilfe kann selbstverständlich
nur durch ein Aufraffen des deutschen Volkes im ganzen kommen (einige staatliche,
nicht Polizeimaßregeln, wie die Einführung der Konzessionen für den Buchhandel
könnten einstweilen nicht schaden), aber das ist schwerlich schon so rasch zu er
warten, sind doch jene bedenklichen Elemente auch noch mit dem politischen Radi
kalismus verschwägert, und dieser tut denn auch so, als ob die Freiheit der
Kunst in ewiger Gefahr schwebe, tut gewaltig ästhetisch, obschon unsere Politiker
von ästhetischen Dingen in der Regel nicht die Bohne verstehen. Überhaupt muß
ja die ästhetische Maske heute auf allen Gebieten herhalten; sieht man aber
genau hin, so merkt man, daß zuletzt doch die radikale Tendenz hinter ihr steckt;
wie sich Ibsen ausdrückte, man will vor allem die Revoltierung des Menschen
geistes und benutzt dazu ganz skrupellos die Kunst, obschon diese sicher nicht
dazu da ist. Nun könnte ja eine konservative Kunst dieser radikalen entgegenwirken,
aber sie ist, wenn auch vorhanden, doch lange nicht mächtig genug, da selbst ein
großer Teil der konservativen Presse den modernen Kunstschwindel mitmacht und
das Theater bekanntlich vollständig in den Händen der bedenklichen Elemente ist.
Spricht man gar von frommer Kunst, diesmal ist fromm in religiösem Sinne
gemeint, so wird man ausgelacht oder doch als tendenziös verschrieen, obschon die

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