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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Fakultas für evangelischen Religionsunterricht mit vollem Stimmrecht beiwohnen und
das Zeugnis mit unterschreiben, b) Die Übertragung des Religionsunterrichts soll in
keinem Fall — auch nicht, wenn es sich um vorübergehende Vertretung handelt —
ohne Zustimmung der Kirchenbehörde erfolgen, e) Jede höhere Lehranstalt soll
wenigstens einen Religionslehrer haben, der ausschließlich oder im Hauptamt Religions
unterricht erteilt.
Künstunterricht in der Schule. Auf dem „Tage für deutsche Erziehung", der zu
Pfingsten in Weimar abgehalten worden ist, hat ein Künstler, H. Obrist, einen
Vortrag über „Falsche und richtige Wege in der Kunsterziehung" gehalten,
der für uns Lehrer wenig Schmeichelhaftes enthielt und auf die Kunstbegeisterten unter
den Pädagogen wie ein kalter Wasserstrahl wirken muß. Nach einem Berichte von
Jtschner in der „Zeitschr. f. Philosophie u. Pädagogik" führte Obrist folgendes aus:
Wir bildenden Künstler konnten eine instinktive Angst von vornherein nicht los werden.
Wie unserer Generation die Werke der Dichtkunst verekelt wurden, so, fürchteten wir,
werde es nun mit den Werken der bildenden Kunst gehen. Unsere Furcht war nur zu
sehr begründet: die Bilder werden „behandelt", pädagogisch ausgebeutet. Das Beispiel
einer Führung in einer Münchener Galerie stehe ihm für viele. Nun wird den
Kindern die subjektive Meinung des Lehrers aufgedrängt, und diese Meinung wird fast
durchweg vom sachlichen Interesse bestimmt, nicht vom künstlerischen, wovon der Lehrer
eben nichts versteht, seinem ganzen Bildungsgänge nach nichts verstehen kann. Hat
doch die Kunst selbst eben erst zu erwachen begonnen aus einem Bann, der Jahr
hunderte auf uns gelastet! Und nun, wo die Pfadfinder auf dem Gebiete der Kunst
sagen könnten: Ihr Jungen, jetzt kommt, wir haben die ganze Tradition hinweggeräumt,
die euch befangen machen könnte, — jetzt kommt der Schulmeister und stellt die ganze
Entwicklung aufs neue in Frage, weil er nun die Stile durchhastet und darin das
selbständige Sehen und Schaffen erstickt. So seien die Lehrer die ärgsten Feinde der
Künstler. Nun wolle er aber das Kind keineswegs mit dem Bade ausschütten, er
wolle es baden. Das erste sei ihm: Anschauung der Wirklichkeit, der Natur, der
Dinge. Das zweite: Keine Rechenschaft verlangen über das Empfundene, denn das
hieße die Keime des Erlebnisses töten. Das dritte: Fingerübungen, Naturzeichnen,
Schreinern, mit einem Wort — Entwicklung des Technischen. Glücklich die Musik, die
ihre Lehre abschließt mit der Lehre vom Kontrapunkt! Sie hat Vertrauen zur
schöpferischen Kraft der Jungen. Die Kunsterziehung von heute hat kein Vertrauen.
Früher hatte man's! Da lernte der junge Künstler das Handwerkliche beim Meister,
und damit war's getan. Deshalb: „Weniger, weniger, weniger!" Daß der Beethoven
der bildenden Kunst einst komme, dafür lasse man den Genius des deutschen Volkes
sorgen!
Sonderbarer Religionsunterricht. Auf dem deutschen Erziehungstage in Weimar,
auf dem Obrist mit dem Kunstunterricht so hart ins Gericht gegangen ist, hat auch
ein Pastor L>teudel aus Bremen über den Religionsunterricht gesprochen. Jtschner
berichtet darüber (Zeitschr. f. Philos. u. Päd.): Steudel lehnt den Religionsunterricht
ab. Oder lehnt er ihn nicht ab? Genau weiß man's nämlich nicht. Es ist ebensooft
von Reformen die Rede gewesen, wenn auch von radikalen. Jedenfalls ist der Satz
ausgesprochen worden: Das Wissen von religiösen Persönlichkeiten kann keine Religion
erzeugen. Das stimmt. Aber wir können uns nicht denken, daß für Steudel die
religiöse Persönlichkeit überhaupt irgend einmal Wert hat. Denn seine Auffassung von
Religion ist jedenfalls eine solche, wie wir sie von den klassischen Helden auf dem
Gebiete des religiösen Lebens nicht kennen. Er definiert nämlich: Religion ist
jenes tiefe Ergriffensein von der Unendlichkeit der Welt nach Zeit
und Raum. Wir danken. Uns ist die Religion das Organ der unstillbaren Sehn
sucht nach Heiligung. Die „Gerechten" bedürfen dieses Organs freilich nicht, wenn
sie sich's auch hin und wieder einmal leisten, sich an der Unendlichkeit zu berauschen.
Wir geben Steudel darin recht, daß der Verbalismus gerade im Religionsunterricht die
größten Orgien gefeiert hat. Aber woran liegt das? Entweder ist der betreffende Stoff
verfrüht aufgetreten oder falsch behandelt worden. Dann darf man ihn selber aber keines
falls verdächtigen. Steudel jedoch wärmt die alten Späße über die „Lügen" der alten
Juden aufs neue auf — das setzt doch viele klatschende Hände in Bewegung — und
macht Front gegen sie: „Livius hat viel geschwindelt, aber er war noch ein exakter
Geschichtsforscher gegenüber den alten Juden." Wozu auch diese Geschichten! „Die
Religion entzündet sich an der Wirklichkeit, am Leben!" Ja, sind denn diese Geschichten

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