Rundschau.
439
im 1. Buche Mose keine Wirklichkeiten? O, diese Neunmalweisen! Dort also sind sie
gelandet, wo man dichterische Wirklichkeit für „Lügen" verzollt? Und, fährt Steudel
fort, es ist doch zum mindesten so „umständlich", wenn man aus diesen Geschichten
Religion gewinnen will, ja selbst durch die Person Jesu: da muß man wissen, wer
Pharisäer, Sadduzäer, Besessene und wer Männer sind, die Heuschrecken und wilden
Honig essen. (!!} So sagt Steudel, und deshalb schickt er die Jugend hinaus auf die
Flur, in den Wald, hier in Weimar etwa ins Sterbezimmer Schillers, und da sagt er
dann: Ziehe deine Schuhe aus, denn das Land, worauf du stehst, ist heiliges Land!
Mit Verlaub, das ist ja ein Imperativ! Imperative gibt's doch im Religionsunterricht
der Zukunft gar nicht, da gilt doch: Jede Wahrheit hat nur dann Wert, wenn sie
gesucht wird? Und wie kann man von einem Kinde verlangen, das in den Wald
tritt: Sei ergriffen! Ich habe rechte Kinder immer nur jauchzen hören im Wald.
Doch mit 14 Jahren könnte nach Steudels Meinung allenfalls religionsgeschichtlich an
die Gestalt Jesu herangetreten werden. So geführt, würde dann der junge Mann mit
18 Jahren, vielleicht auch später, dazu kommen, sich ein Neues Testament zu kaufen;
dann würde es ihm zur Quelle der Religion. Diese letzte Konsequenz wurde aber nur
ganz flüchtig angedeutet. Daß Steudel sich damit widerspricht, kümmert ihn nicht.
Oder meint er vielleicht: Bis zum 18. Jahre erzieht die Wirklichkeit zur Religion und
von da an die Lektüre des Neuen Testaments (?!). — Nein, Steudel hat dieser hoch
bedeutsamen Frage einen schlechten Dienst erwiesen, zumal auch er seinen Vortrag auf
einen Ton gestimmt hatte, der einfach unerträglich war im Hinblick auf die Würde
seines Gegenstandes.
Seminarlehrer Lettau in Königsberg, der langjährige Mitarbeiter des Evan
gelischen Schulblattes, ist im April dieses Jahres gestorben. Der Entschlafene hat bis
in die letzten Jahre hinein unserer Sache in Treue gedient; seine Beiträge bezogen sich
vorwiegend auf den Religionsunterricht, dessen Vertiefung und Belebung ihm ein
Herzensanliegen war. Tiefgründig und ernst, wie er war, hatte er sich mit Eifer und
Liebe in Hamanns Schriften hineingelesen; in den achtziger Jahren brachte das
Schulblatt aus seiner Feder einen sehr anziehenden, vortrefflich einführenden Aufsatz,
der die markige und imponierende Gestalt des tiefsinnigen Philosophen auch den Ferner
stehenden ans Herz brachte.
Schriftleitung der Evangelischen Volksschule. Herr Pastor a. D. Zillessen hat
die Schriftleitung der „Evangelischen Volksschule" in die Hände der Herren Haupt
lehrer Grünweller in Mülheim-Saarn und Lehrer A. Liepe in Pankow über
geben. Wir freuen uns mit ihm, daß er damit wenigstens einige Erleichterung in der
ihm zu reichlich zugemessenen Arbeit gefunden hat. Die Freunde der evangelischen
Volksschule werden es ihm danken, daß er Jahrzehnte hindurch mannhaft die Interessen
der Schule vertreten und ihr Wohl durch treue Arbeit unter viel Mühe und schweren
Kämpfen zu fördern sich hat angelegen sein lassen.
Besoldungsverhältnisse. Lehrer A. Bielfeldt in Altona hat im Selbstverläge
eine Broschüre herausgegeben: „Der preußische Volksschullehrer und die
Subaltern beamten, statistische Untersuchungen über Ausbildung, Ausbildungskosten
und Diensteinkommen", aus der wir nach dem „Türmer" (Heft 7) folgende Mitteilungen
machen: Die Postassistenten, Telegraphenassistenten und Postverwalter erreichen ihr
Höchstgehalt von 3000 M. mit 26 Dienstjahren, die Gerichtssekretäre 3800 M. und die
nichttechnischen Eisenbahnsekretäre 4200 M. mit demselben Dienstalter; die Bahnmeister
2700 M. mit 23 Dienstjahren, die Lokomotivführer 2550 M. mit 25 Dienstjahren.
Dagegen beträgt das durchschnittliche Höchstgehalt der preußischen Landlehrer 2112 M.
und das der städtischen Lehrer 2879 M. und wird mit 31 Dienstjahren erreicht. Hinter
diesen durchschnittlichen Höchstgehältern bleiben aber insbesondere die Landlehrer der
östlichen Provinzen weit zurück. Etwa 15000 preußische Volksschullehrer kommen nur
auf ein Höchstgehalt von 1800—1900 M., wovon ein erheblicher Teil in Naturalien
und in Landdotationen bestehen kann.
Das Gegenstück zu diesen Besoldungsverhältnissen — heißt es dann im Türmer
weiter — ist der nicht zu beseittgende Lehrermangel. Nach der letzten amtlichen
Schulstatisttk vom 27. Juni 1901 hatte der preußische Staat für 5670870 Volks
schüler 104082 Schulklassen eröffnet, aber nur 89163 Lehrerstellen eingerichtet, von
denen 1862 unbesetzt waren. Sollte keine Schulklasse mehr als 50 Schüler
zählen, so müßte der preußische Staat nach dem augenblicklichen
Stande der Verhältnisse etwa 40000 Lehrkräfte mehr anstellen. Die

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.