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II. Abteilung: Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Regierung setzt alle Hebel in Bewegung, um die bestehenden Lehrerbildungsanstalten zu
Men, und gründet neue Lehrerseminare und Präparandenanstalten. Vielleicht gelingt
es auch, die Lücken auszuMen. Aber wie steht es mit der Qualität dieser mit Mühe
und Not zusammengebrachten Anwärter auf ein Volksschulamt? Auf diese Frage hat
noch kein Geheimrat eine befriedigende Antwort gegeben, auch der Herr Kultusminister
nicht. Trotzdem ist das Herrenhaus in seiner Sitzung vom 3. März v. I. über
die Petition des Preußischen Lehrervereins um Revision des Besoldungsgesetzes ohne
Debatte zur Tagesordnung übergegangen. Nicht ein Wort. . . . Beredter
hat noch nie eine parlamentarische Körperschaft ihre bildungspolitischen Anschauungen
zum Ausdruck gebracht.
Über die Glaubwürdigkeit der Zeugenaussagen von Kindern hielt der bekannte
Privatdozent Dr. L. W. Stern-Breslau kürzlich in Berlin einen interessanten Vortrag
im Psychologischen Institut der Universität vor dem „Verein für Kinderpsychologie".
Noch immer, so Mrte der Redner aus, besteht bei den Gerichten die irrige Meinung,
daß Kindern, wenn sie nicht direkt als verlogen bekannt sind, ihre Aussagen geglaubt
werden müssen. Demgegenüber muß auf Grund der neueren Befunde der experimentellen
Erforschungen der Kinderlügen betont werden, daß das Gebiet unbewußt falscher Aus
sagen oei Kindern außerordentlich groß ist. Aus den Forschungsergebnissen zieht
I)r. Stern den Schluß, daß die Vertrauensseligkeit gegenüber Kinderaussagen ganz
erheblich herabgesetzt werden muß. Die Aussagen richten sich ganz nach der Art der
Fragestellung, besonders von autoritativen Personen; daher können gerade vor Gericht
von sonst wahrheitsliebenden Kindern in gutem Glauben ganze Lügengewebe vorgebracht
werden. Das trifft ganz besonders zu auf das Gebiet von sexuellen Beschuldigungen
halbwüchsiger Kinder gegen Erwachsene. Die schlimmste Suggestion des Kindes liegt
in der Konfrontation mit dem Angeschuldigten. Diese Praxis sollte man vor Gericht
ganz fallen lassen, dem Kinde vielmehr die Aufgabe stellen, aus einer ganzen Reihe
vorgeführter Personen den Schuldigen herauszufinden. Für die Schule ergibt sich aus
dem Angeführten die Einführung von Erinnerungsunterricht als Ergänzung des
Anschauungsunterrichts und einer besonderen Aussagepädagogik. Die Diskussionsredner
stimmten sämtlich dem Vortragenden zu und stellten zum Teil die Forderung auf, Kinder
unter sieben Jahren überhaupt nicht vor Gericht als Zeugen zu vernehmen. — Wenn
wir auch den „Erinnerungsunterricht" und die „Aussagepädagogik" dankend ablehnen
müssen, so erkennen wir doch in diesen Ausführungen eine schätzenswerte Bekräftigung
dessen, was in neuerer Zeit von Kriminalisten und Psychologen über den Wert von
Kinderaussagen festgestellt worden ist.
Die Fürsorgeerziehung in Großbritannien. Am 31. Dezember 1903 befanden sich
in der Erziehung der Lotormatory and Indnstrial-Schools 22954 Knaben und 4919
Mädchen, zusammen 27873 Zöglinge. Der Zugang im Jahre 1903 betrug 6323 (gegen
6523 in Preußen im Rechnungsjahre 1903/4), der Abgang 5672. Dabei muß beachtet
werden, daß der Fürsorgeerziehung in Großbritannien nur Jugendliche bis zum
16. Lebensjahre überwiesen werden können, also zwei Jahresklassen weniger als in
Preußen. Die dafür aufgewandten Kosten beliefen sich auf rund 11815840 sh. Die
jährlichen Kosten eines Zöglings schwanken zwischen 300 und 440 8h. Von den Kosten
tragen: der Staat 5198900 sh., die Gemeinden 4531820 sh., die Eltern 578900 sh.,
freiwillige Beiträge und Vermächtnisse 725 960 sh. Die Gesamtzahl der Erziehungs
anstalten für diese Zöglinge beträgt 198. Dazu kommen noch 24 Day Industrial-Schools,
die am 31. Dezember 1903 von 3396 Kindern besucht wurden und eine Ausgabe von
788240 sh. erforderten, zu denen der Staat 148000 sh., die Gemeinden 532340 sh.,
die Eltern 60040 sh. beisteuerten. Die Bestrafungen der Jugendlichen sind seit dem
Jahre 1892 in England von 4036 auf 1081 im Jahre 1902, in Schottland von 718
auf 215 gesunken trotz der Zunahme der Bevölkerung. — Welche Bedeutung diesem
Zweige staatlicher Fürsorge für die Jugend beigelegt wird, mag daraus hervorgehen,
daß daM ein eigenes Amt im Ministerium des Innern (Lome Department) eingerichtet
ist, an dessen Spitze ein Inspektor steht, dem fünf Gehilfen, darunter eine Dame, für
die Besichtigung beigegeben sind. Diese Beamten haben jede Anstalt im Jahre zweimal
und noch öfter besichtigt und sie auf ihre baulichen Einrichtungen, Verwaltung, körperliche
und geistige Pflege der Zöglinge, Befähigung der Beamten usw. eingehend geprüft und
das Ergebnis für jede Anstalt in den Berichten niedergelegt, so daß der Zustand dieser
Anstalten sowohl der Kontrolle des Parlaments, als auch allen Kreisen, die sich für die
Jugendfürsorge interessieren, offen dargelegt wird.
Verantwortlicher Schriftleiter Rektor a. D. D. Horn in Elberfeld-Hahnerberg.

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