Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 443
Lebens drückt und die Mittel eben zur Erhaltung des Daseins reichen, so lange
schläft die Kunst, erst aus dem Überschuß der Kräfte und der Mittel erwächst
künstlerische Betätigung. In dem Maße, wie sich die Lebenshaltung des Volkes
in den letzten Jahrzehnten gehoben hat, in dem Maße ist auch der Geist frei
geworden für die Beschäftigung mit dem Schönen. Da regt sich das Bedürfnis,
es verlangt Befriedigung; glücklich das Volk, das in solcher Lage geeignete
Nahrung findet.
Von seiten der Gebildeten wird diesem Verlangen Rechnung getragen, man
sucht es zu wecken und zu befriedigen. Will die Innere Mission sich über ihre
Verpflichtung in dieser Sache klarwerden, so ist es wichtig, die Beweggründe
dieser Bestrebungen kennen zu lernen. Es sind ihrer hauptsächlich zwei.
Man fühlt einerseits die Verpflichtung, für die unteren Klassen zu arbeiten, diese
Richtung kann man als die humanitär-soziale bezeichnen. Man will die
Lebensfreudigkeit der unteren Schichten heben, sie fähig machen, Genüfle edlerer
Art zu suchen, um damit zugleich dem Niedrigen und Gemeinen einen Damm
entgegen zu setzen. Denn, so schließt man, in dem Maße, wie sich Bedürfnisse
höherer Art im Menschen geltend machen, muß das Rohe und Niedrige zurück
treten. So hat diese Richtung zugleich eine ästhetisch-pädagogische Tendenz.
Daneben besteht noch ein zweites Motiv. Man verkündigt die Herr
schaft des Schönen wie ein neues Evangelium; man will die Menschen
herausführen aus dem dämmerigen Dunkel der Kirchen in das freie goldene
Himmelslicht der Kunst, es soll ein Ende haben mit asketischem Entsagen, mit
Reue und Buße, und heiterer Genuß soll die Menschen festlich vereinen. Die
Religion hat abgewirtschaftet, ihr trübes Licht ist erloschen, den Menschen, die
nun an Gott und Teufel, an Himmel und Hölle nicht mehr glauben, bietet sich
etwas Besseres: die Natur mit ihrer Herrlichkeit ist der Dom, darin der Mensch
sich selbst in seiner Vollendung findet und anbetet. Künstler und Dichter sind
dann folgerichtig die berufenen Führer zu einem glücklicheren Dasein. Nach solcher
Auffassung hört es sich denn auch gar nicht so sonderbar an, wenn Dichter, die
uneingeschränkten Sinnengenuß predigen, als Priester und Propheten gefeiert
werden; es gehört ja zu den Eigentümlichkeiten des künstlerischen Geschäftsbetriebes
von heute, daß man sich gegenseitig in den Himmel lobt und dabei um die
stärksten Ausdrücke nicht verlegen ist. Aber die Wahl dieser Ausdrücke ist doch
bezeichnend: Priester, Kult, Tempel, Heiligtum u. dgl. weisen darauf hin, daß
die Kunst für diese Modernsten der neue Baal ist.
So hat man denn auch nicht gezögert, die Konsequenz solcher Anschauungs
weise für die Schule zu ziehen. Es ist bekannt, daß von Hamburg aus
vor einigen Jahren die Forderung ausging: Ersetzung des Religions
unterrichts durch Literaturunterricht. Auf den ersten Blick eine
sonderbare Gegenüberstellung. Denn, so fragt man sich, die Literatur — auch
die schöne Literatur, die hier gemeint ist, — hat als solche doch keinen be
stimmten sachlich begrenzten Inhalt. Es gibt ebenso gut religiöse Dichter und
Denker, wie irreligiöse; die Literatur ist gut und böse, fromm und gottlos,
christusfreundlich und christusfeindlich, je nachdem die Schriftsteller sind. Wie
kann man also Religion und Literatur einander gegenüberstellen? Aber die
Leute, von denen diese Forderung ausging, sind nicht so töricht, wie es scheint,
sie sind nur nicht so offen, wie es erwünscht wäre. Bei ihnen verschwindet
nämlich aus der Literatur derjenige Teil, der für uns religiös wertvoll wäre,
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