444 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens re.
und es bleibt nur noch die große Flut religiös indifferenter oder gar irreligiöser
Schriften übrig. Das ist von vornherein keine Frage, daß die Literatur im
großen und ganzen ein Weltkind ist, ein schönes freilich, das durch seine bloße
Schönheit predigt, so gut wie die Lilie auf dem Felde. Jene Kunstfreunde
streichen aus der Literatur das, was eine kräftige religiöse Färbung hat; sie
verurteilen, wie sie sagen, alle Tendenz, am meisten aber die religiöse und
patriotische. Und wenn man auch vor einem unserer größten Erzähler wie
Jer. Gotthelf achtungsvoll den Hut abzieht, so findet man doch, daß in einem
modernen Hause, in dem der Name Gott ein leerer Klang ist, die Voraussetzung
für ein volles Verständnis dieses Dichters nicht gegeben ist, und daß man sich
also weiter nicht mit ihm zu befassen braucht. So ist denn die Forderung:
„Ersetzung des Religionsunterrichts durch Literaturunterricht" so zu verstehen:
Ersetzung der Religion durch rein weltliche Dichtung!
Wie soll sich nun die Innere Mission stellen zu dieser Auffassung, nach
der das Schöne ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens ist, nach der das Schöne
zur Vollendung der Daseiusfreude nötig, nach der die Pflege des Schönen eine
Aufgabe aller erziehlichen Faktoren in Staat, Kirche und Schule ist? Die
Innere Mission hat von jeher gewußt, daß das Schrifttum eins der wichtigsten
Mittel ist, an das Volk heranzukommen. Sie hat in und neben den Unter
haltungsschriften auch der schönen Literatur einen Platz eingeräumt. Zwei Gründe
waren hauptsächlich dabei maßgebend. Erstens handelte es sich darum, das
Lesebedürfnis der Jugend und des Volkes zu befriedigen, man
wollte durch gute Bücher das Lesen schlechter Bücher verhüten, überhaupt eine
angemessene Beschäftigung ermöglichen und so törichtem und schädlichem Treiben
vorbeugen. Neben diesem negativen Motiv stand positiv die Absicht, eine
sittlich bessernde, eine erziehliche Wirkung auszuüben. Es
sollten durch geeignete Bücher der Jugend und dem Volke Bilder der Sünde
und ihrer Folgen zur Abschreckung vor die Augen gestellt werden, es sollte
gezeigt werden, daß es für den Menschen keine wahre Ruhe und keinen Frieden
gebe als in Gott. Das war ein berechtigtes und löbliches Bestreben, aber es
sind dabei große Fehler begangen worden. Man begnügte sich mit der
guten Tendenz und erwartete nun auch eine gute Wirkung. Dabei ist doch
keine Frage, daß eine tendenziöse Absicht den Kunstwert eines Werkes meist stark
gefährdet, daß ferner der erziehliche Zweck verfehlt wird, denn es fehlt die
Wahrhaftigkeit. Der tendenziöse Erzähler steht nicht, wie der rechte Dichter,
unter dem Zwang, etwas in ihm lebendig Gewordenes und innerlich Geschautes
mitzuteilen; er will bessern, erziehen. Aber wie leicht merkt der Leser die Absicht,
und dann ist es um den Erfolg geschehen. Das Gemachte, Künstliche in solchen
Büchern fühlt auch der Ungebildete leicht durch. Die Schlechtigkeiten sind darin
meist so stark ausgetragen, daß sich der Leser, wenn er sich in diesem Spiegel
beschaut, recht brav vorkommen muß, dagegen stehen die Tugendhelden in solcher
Höhe und solchem Glanze, daß sie zu der Wirklichkeit unseres Lebens keine
Beziehung gewinnen können. Sie sind uns so fern, wie etwa die Heiligen auf
Goldgrund mit dem Lilienstengel in der Hand. Im besten Falle entzünden
solche Musterbilder ein Strohfeuer, das um so eher erlischt, je höher die Flamme
aufschlägt.
„Wenn jemand in Zweifel sein möchte über die sittliche Kraft einer Realistik,
die nichts verschönern, nichts Häßliches verhüllen will, die allein nach Wahrheit

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.