Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 445
strebt, indem sie den Ewigkeitsgehalt deS Scheinbildes, das die Welt gibt, zur
Anschauung bringt, den möchte man wohl auf die Bibel Hinweisen, die uns das
Große in sehr zerbrechlichen Gefäßen zeigt. Die Helden des Alten und Neuen
Testaments, so riesengroß ihre Persönlichkeiten durch die Geschichte strahlen, wie
wenig kommen sie dem Ideal sittlicher Vollendung nahe, das wir uns in vielleicht
erbaulicher, aber keineswegs fruchtbarer Weise von ihnen entwerfen möchten. Ist
dadurch die sittliche Wirkung gefährdet? Keineswegs. Gerade weil ihr Leben
ein fortgesetztes Fallen und Aufstehen ist, teilt sich uns unmittelbar die Über
zeugung mit: das ist Fleisch von unserm Fleische. Dadurch ist die Beziehung
zu unserm eigenen Leben gegeben. Die unverfälschten Heiligen mögen vielleicht
gut sein zur Verehrung in der weltentrückten Stille und dem Dämmerlicht
geweihter Stätten. Treten wir aber hinaus in das Getriebe der Straße und
die Helle des Tages, so sehen wir uns sogleich von ihnen verlassen."' (Ev. Schulbl.
1901, S. 462.) x )
Aber soll darum alle Tendenz verboten sein? Soll nun jedes Buch, dem
wir eine gute Tendenz und eine heilsame Wirkung nachrühmen, als tendenziöses
Machwerk abgetan werden? Tendenz soll kunstwidrig und doch zu
gleich erlaubt sein? Wer sich nicht will verwirren, wer sich nicht dichterisch
Wertvolles als tendenziös will verdächtigen und entwerten lassen, wer andererseits
aber auch sich selbst und andere vor den üblen Wirkungen tendenziöser Fabrik
ware schützen will, der muß dem hier vorliegenden Problem auf den Grund zu
gehen suchen. Es handelt sich um eine wichtige grundsätzliche Entscheidung, für
die ich wohl einige Augenblicke in Anspruch nehmen darf.
Es gibt ohne Frage Werke von anerkannt literarischem Wert, die eine starke
Tendenz haben. Hier sei nur an Tolstoi und Jer. Gotlhelf erinnert. A. Kare
nina von Tolstoi ist meines Erachtens eine ausgesprochene Problemdichtung. Es
0 Hier mag eine Bemerkung Herbarts Platz finden, die zeigt, wie dieser Denker
auch in diesem Stücke „zeitgemäß" ist: „Schon die Absicht, zu bilden, verdirbt die
Kinderschriften; man vergißt dabei, daß jeder, und auch das Kind, sich aus dem, was
er liest, das seinige nimmt, und nach seiner Art das Geschriebene samt dem Schreiber
beurteilt. Stellt Kindern das Schlechte dar, deutlich, nur nicht als Gegenstand der
Begierde; sie werden finden, daß es schlecht ist. Unterbrecht eine Erzählung durch
moralisches Räsonnement; sie werden finden, daß ihr langweilig erzählt. Stellt lauter
Gutes dar, sie werden fühlen, daß es einförmig ist, und der bloße Reiz der Abwechselung
wird ihnen das Schlechte wMommen machen. Aber gebt ihnen eine interessante Er
zählung, reich an Begebenheiten, Verhältnissen, Charakteren; es sei darin strenge psycho
logische Wahrheit und nichts jenseits der Gefühle und Einsichten der Kinder; es sei
darin kein Streben, das Schlimmste oder das Beste zu zeichnen; nur habe ein leiser,
selbst noch halb schlummernder Takt dafür gesorgt, daß das Interesse der Handlung sich
von dem Schlochtern ab und zum Guten, zum Billigen, zum Rechten hinüberneige; ihr
werdet sehen, wie die kindliche Aufmerksamkeit darin wurzelt, wie sie noch tiefer hinter
die Wahrheit zu kommen und alle Seiten der Sache hervorzuwenden sucht, wie der
mannigfaltige Stoff ein mannigfaltiges Urteil anregt, wie der Reiz der Abwechselung
in das Vorziehen des Besseren endigt, ja wie der Knabe, der sich im sittlichen Urteil
vielleicht ein paar kleine Stufen höher fühlt als der Held oder der Schreiber, mtt
innerem Wohlgefühl sich fest hinstemmen wird auf seinem Punkt, um sich zu behaupten
gegen eine Roheit, die er schon unter sich fühlt. Roch eine Eigenschaft muß diese Er
zählung haben, wenn sie dauernd und nachdrücklich wirken soll: sie muß das stärkste
und reinste Gepräge männlicher Größe an sich tragen. Denn der Knabe unterscheidet
so gut wie wir das Gemeine und Flache von dem Würdevollen; ja dieser Unterschied-
liegt ihm mehr als uns am Herzen, denn er fühlt sich ungern klein, er möchte ein
Mann sein!"

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