446 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
handelt sich für den Dichter um die rechte Form der Ehe; er setzt neben ein
Beispiel einer Konvenienzehe und ein solches einer wilden Ehe das einer rechten,
sittlich bestimmten Ehe. Er zeigt, daß die Sünde der Leute Verderben ist, daß
die auf Achtung und Liebe gegründete und durch die Schranken der Sittlichkeit
gefestigte Ehe trotz aller Schwächen und Schwierigkeiten doch die wahrhaft
beglückende Form des geschlechtlichen Zusammenlebens ist. Diese Absicht des
Dichters ist ganz außerordentlich deutlich zu erkennen. Und was Jer. Gotthelf
angeht, so haben alle seine Werke einen ausgesprochen sittlich-religiösen Charakter.
Sie enthalten ein so starkes wirkliches Leben, daß ihr Kunstwert auch durch so
manche predigtartige Längen nur wenig beeinträchtigt wird. Aber man vergleiche
damit die meisten Erzählungen für die Jugend — diese sind ein besond ers
ergiebiges Feld für den Tendenzschriftsteller. Da wird etwa ein Kind von un
erreichbarer Folgsamkeit und Bravheit gezeichnet, daneben wird die ausgemachte
Bosheit geschildert. In den Schriften einer beliebten christlichen Erzählerin ist
eine Fülle der wunderbarsten Gebetserhörungen und unglaublicher Zufälligkeiten,
durch die gerade im rechten Augenblick Hülfe und Rat kommt. Oder man
betrachte aus der neuesten Literatur gewisse von Frauen geschriebene Romane, in
denen die Knechtung des Weibes durch die herkömmliche Auffassung über die
Stellung und Aufgabe der Frau dargestellt wird, oder jene Romane einer Zeit
schrift für die gebildete Familie, in denen als Hauptrequisit für die Verkörperung
aller Heuchelei und Bosheit die Figur eines glatt gescheitelten Kandidaten un
vermeidlich war. Der Unterschied zwischen jenen tendenziös gerichteten Werken
eines Tolstoi und Gotthelf und diesen eigentlichen Tendenzschriften ist so deutlich,
daß er gar nicht übersehen werden kann.
Nach meinem Dafürhalten liegt er in Folgendem. Jene Bücher, die un
beschadet ihrer Tendenz anerkannte Kunstwerke sind, verdanken trotz des tenden
ziösen sittlich oder religiös charakterisierten Untergrundes ihr eigentliches Leben
der dichterischen Intuition. Der Dichter hat seine Romane nicht so konstruiert,
daß er über dem gedanklichen abstrakten Grundriß das Gebäude der Dichtung
aufrichtete, sondern das Geschehen, das er darstellt, ist in ihm selbst lebendig
geworden; er hat die Gestalten und ihr Erleben mit dem geistigen Äuge geschaut.
Seine Phantasie gestaltete, und er hatte auszusprechen, was die Muse ihm in
glücklichen Stunden eingab. Er war mehr ein Leidender als ein Handelnder, er
gebot nicht dem inneren Schauen, sonbern er folgte ihm. Freilich war diese
Folgsamkeit nicht mechanisch; die dichterische Persönlichkeit hatte dafür zu sorgen,
daß das Ebenmaß der Teile gewahrt blieb, es mußte auf manches, was die
Phantasie allzugeschäftig schuf, verzichtet werden, damit die Handlung in stetigem
Fluß fortschreitend zum richtigen Ziel geführt wurde. Zu den inneren Trieb
kräften, die das Werk hervorbrachten, gehörte auch die sittliche Tendenz, aber sie
schwebte nicht gebietend über dem Werk, sondern sie nährte es aus den Wurzeln
der sittlichen Überzeugung. Ob ein Dichter in seinem Werk zugleich sittliche,
religiöse, politische, soziale Grundsätze von so bestimmtem Charakter darstellt, ist
eine Frage seiner Persönlichkeit überhaupt. Wir alle verhalten uns in diesem
Punkt verschieden. Die aktiven, energischen Naturen setzen all ihr Streben in
einen Punkt, sie können davon nicht schweigen. Andere sind mehr betrachtend,
abwartend, sie fühlen nicht den Beruf, hineinzugreifen in das bunte Getriebe.
Zu den Leuten von dieser Art gehört Raabe. Aber diese Verschiedenheit der
Persönlichkeit gibt noch keinen Maßstab weder für den sittlichen Wert dieser
Persönlichkeiten noch für ihre künstlerische Bedeutung.

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