Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 447
Kann überhaupt ein Kunstwerk ganz ohne Tendenz sein? Wohl kaum.
Denn die Grundrichtung des Denkens und Lebens muß sich bei jeder rechten
Persönlichkeit geltend machen. Aber sicherlich führen die eigentlich tendenziösen
Dichtungen leicht an die Grenze des ästhetisch Zulässigen. Je stärker in einem
Schriftsteller das Künstlerische ist, um so stärker darf auch der ideelle, tendenziös
charakterisierte Gehalt sein, ohne daß dadurch das Kunstwerk zerstört würde.
Gefährdet ist es immerhin. Siegt aber das Gedankliche über die Gestaltungs
kraft, dann ist nicht bloß das Werk, sonderir auch der Dichter tendenziös. In
dem Maße, wie der Dichter hervortritt, muß dann sein Werk zurücktreten.
Dann verschwindet uns vor dem Dichter selbst mit seinem wirklichen Sein, wie
es uns entgegentritt, die schöne Welt des Scheins, die doch eigentlich das Kunst
werk ausmacht. Wir achten und lieben vielleicht den Menschen im Dichter, aber
wir genießen nicht sein Werk.
Daraus folgt, daß besonders alle dichterisch mäßig Begabten sich vor
tendenziösem Wesen zu hüten haben, sonst schaden sie mehr, als sie nützen.
Gerade die christliche Literatur ist vielfach geleitet gewesen von dem an sich
löblichen Streben, zu bessern, zu erziehen. Gerade hier finden wir darum auch
eine solche Flut literarisch wertloser Bücher. Gefühl und Verständnis für das
Schöne wächst, da ist es unbedingt erforderlich, daß überall, wo die Innere
Mission das Schrifttum als Mittel benutzt, die strengste Prüfung auf den
dichterischen Gehalt angestellt wird. Sonst bleibt man immer mehr hinter den
Erfordernissen der Zeit zurück, man schadet dem Ansehen der guten Sache und
bringt sich bei den Lesern vielfach um den Erfolg. l )
Bei einer solchen Prüfung wird sich ergeben, daß neben einer Fülle des
literarisch Minderwertigen und Schlechten nur eine geringe Anzahl wirklich guter
i) In der oben angezogenen Arbeit wird dieses Problem ebenfalls vom Stand
punkt der Persönlichkeit aus erörtert, es heißt dort: „Die künstlerische Persönlichkeit
rettet allein aus diesen Widersprüchen (nämlich aus dem Widerspruch zwischen der
Forderung der Tendenzlosigkeit und der Tatsache, daß große Kunstwerke tendenziös sind).
Das Verwerfliche der Tendenz liegt in der Unwahrhastigkeit. Es tritt nicht eine große
Persönlichkeit uns entgegen, wie z. B. bei Tolstoi in so überwältigender Weise. Da
haben wir den ganzen Menschen in seinem Ineinander von Sinn, Verstand, Sittlich
keit, von Natur und Kunst. Ebenso bei Jer. Gotthelf; das ist das wirkliche Leben
dieser Persönlichkeit selbst, das uns aus seinen Schriften entgegenstrahlt. Wie fest er
auch aus dieser Erde steht, seine Wurzeln hat er in einem andern Grunde und sein Ziel
in einer andern Welt. Das sind ganze Menschen. Sie können gar nicht dem Zug
der Mode oder geschäftlichen Lockungen folgen, sie können nicht mit ihrem Verleger
akkordieren auf die politische, patriotische, moralische oder religiöse Seite ihres Wesens.
Sie können nur sich selbst geben. Aber sie dürfen es auch. Mögen sie auch hier und
da mit ihren scharfen Kanten stoßen und reiben, wir werden uns darum um so freudiger
des Wahrhaften, Aufrechten, Kernigen in ihnen bewußt. — Aber die Persönlichkeit allein
tut's noch nicht. Es mag einer als ein rechter Mann an die Arbeit gehen, er wird
doch nur ein Machwerk zustande bringen, wenn ihm das Künstlerische abgeht. Ein
Kunstwerk wird, es wird nicht gemacht. Was einen Tolstoi zum darstellen zwingt,
sind nicht die Probleme, die ihn bedrängen und peinigen. Es werden Gestalten in ihm
lebendig, damit stehen all die Widersprüche, die ihn plagen, leibhaftig vor ihm, die
Sorgen und Kümmernisse seines Geistes objektivieren sich in den Personen seiner
Dichtung; es ist, als wenn er die Lösung nicht selbst fände und gäbe, sondern als wäre
sie ihm von jenen gezeigt. Fehlt einem Schriftsteller diese Inspiration, so fehlt ihm das
Wichtigste an seiner Kunst. Aber, und damit kehren wir zu dem ersten Punkt zurück,
es ist nicht gleichgültig, was sich in dem Dichter gestaltet. Dieses „Was" wird durch
die Persönlichkeit gegegen."

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.