448 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Bücher vorhanden ist. Dieser Umstand führt zu einem Gedanken, der auch aus
einem anderen Gesichtspunkt nahegelegt wird, nämlich dazu, die Grenzen
hinsichtlich des Inhaltes nicht zu eng zu stecken, d. h. nicht zu
ängstlich zu fragen, ob das einzelne Buch auch vor dem biblisch christlichen
Standpunkt hinreichend deklariert sei.
Die Kunst ist nicht unser Heiligtum, das Ästhetische ist uns nicht gleiche
wertig mit dem Religiösen; aber doch dient die Kunst am Heiligtum. Das
zeigt schon das einfachste Gotteshaus. Zwar öffnen wir der Kunst die Kirchen-
türen nicht zu schrankenloser Betätigung, aber eine religiös gestimmte Kunst ist
uns innerhalb der Kirchenmauern willkommen. Schiller wollte durch das Morgen
tor des Schönen in das Land der Vollendung führen. So gewiß manche
Künstler und Kunstschwärmer durch ihr Leben und durch ihre Werke dem wider
sprechen — hat doch eine Reihe namhafter Künstler vor Jahren öffentlich die
sonst gültigen Schranken der Sittlichkeit für sich abgelehnt — so ist dennoch
der Kern des Schillerschen Gedankens, daß das Schöne von sehr hohem erzieh
lichem Werte sei, richtig. Jede Kunst, auch die weltliche, hat eine hohe,
formal bildende Bedeutung. Der Unterschied zwischen geistlicher und
weltlicher Kunst liegt leider für sehr viele nur in Äußerlichkeiten. Dian denke
an die widerlich süßlichen Engel, die an Wiegen und Abgründen das Geschäft
der Kindermädchen besorgen, oder etwa an die reizvollen innerlich so vollkommen
leeren Mädchengestalten, die Glaube, Liebe, Hoffnung darstellen sollen, und man
wird zugeben müssen, daß eine ernste weltliche Kunst auch nach ihrem sittlichen
Werte himmelhoch über solchen weichlichen, saft- und kraftlosen Machwerken steht.
In der Entwicklung der Völker zeigt sich der veredelnde Einfluß der Kunst.
Sie ist es, die die Menschen erhebt über die unmittelbar materiellen Interessen,
sie stellt sich ein, sobald die dringendsten Bedürfnisse der Nahrung, Kleidung
und Wohnung befriedigt sind. Einfacher Zierat an Körper, Kleidung, Waffen
zeigt das Vorhandensein höherer Bedürfnisse an; es regt sich der Geschmack; die
bloße Nachahmung überkommener Zierformen befriedigt nicht, leichte Abänderungen
in Farben und Formen machen den Einfluß der individuellen Beanlagung
bemerkbar. — In der Entwicklung des Einzelwesens läßt sich der fördersame
Einfluß des Ästhetischen leicht psychologisch nachweisen. Es bedeutet einen Fort
schritt in der innern Hebung des Menschen, wenn er lernt, ein Begehren an
zuhalten, es nicht zur Tat fortschreiten zu lassen. Damit hört die unbedingte
Herrschaft der Triebe und Instinkte auf. Sobald der Mensch anfängt, zweck
mäßig zu handeln, ist die Möglichkeit einer sittlichen Disziplinierung seines
Wollens angebahnt. Geschieht das Anhalten, das Ausgeben eines Begehrens
aus einem höheren Interesse, etwa aus einem ästhetischen, verzichtet der Mensch
auf einen sinnlichen Genuß um eines ästhetischen willen, so fängt er an, sich in
Zucht zu nehmen, er wählt, er erkennt, wenn auch vielleicht noch unvollkommen,
Werte höherer Ordnung an. Das, um dessentwillen er verzichtet, erscheint ihm
eben als das Höhere. So wird sein Wesen veredelt. Denken wir an das
Seelenleben eines entwickelten Kulturmenschen, in dem das Schöne eine Macht
gewonnen hat. Seine Vorstellungswelt ist bereichert durch Elemente höheren
Wertes, er ist von ihnen vielleicht so in Anspruch genommen, daß er die leib
lichen Bedürfnisse darüber vergißt und verabsäumt/) es gibt für ihn eine Wert-
>) Herbart sagt: „Der Zuschauer oder Zuhörer muß fähig sein, abzulassen von
seinem Wollen, fahren zu lassen Arbeit, Sorge und Liebhaberei; denn er soll sich hin
geben. Das können die Egoisten nicht." II, 107.

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