Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 449
schätzung der Dinge nicht bloß nach ihrem Nutzen, oder nach dem sinnlichen
Genuß, oder nach ihrer Annehmlichkeit, sondern nach dem bloßen unbedingten
Gefallen. Das ist es, was das Schöne in die Nachbarschaft des Guten gebracht
hat, denn auch dies gefällt bloß um seiner selbst, um der ihm eigenen Schönheit
willen. Das ästhetische Urteil ist streng und unerbittlich wie das ethische, es
läßt sich nichts abmarkten. So sind die ästhetischen Gefühle und Urteile den
sittlichen in rein formaler Hinsicht gleichartig. Die Bedeutung der Ästhetik für
die Ethik liegt darin, „daß das Ästhetische eine Geisteskultur hervorbringt, welche
der Herausbildung der ethischen Ideen und einer ethischen Lebensgestaltung
günstig ist" (vgl. Ev. Schulbl. 1901, S. 459).
Oder sollte jemand diese theoretischen Erwägungen nicht für belangreich
halten, so möchte man ihn verweisen auf die tägliche Erfahrung. Man denke
an einen Jüngling, der seine Freude an der schönen Natur, an Landschaften,
Blumen und Schmetterlingen hat, der ein schönes Buch in der Einsamkeit seiner
Klause genießt, der zeichnet und malt, oder Musik treibt, an W. H. Riehl etwa,
der als armer Student seinen Geburtstag feierte, indem er ein schönes Musik
stück für Streichquartett aufsetzte und sicb so selbst das schönste Geschenk gab;
man stelle sich die Befriedigung und das Glück vor, das diese Beschäftigung mit
der Kunst bringt, so wird man keinen Augenblick ihre bewahrende wie ihre
erziehende und veredelnde Kraft bezweifeln.
Diese erziehliche Wirkung künstlerischer Betätigung muß hier, wo es sich
um die Aufgaben der Innern Mission handelt, mit vollem Nachdruck hervor
gehoben werden. Nehmen wir diesen Gesichtspunkt mit vollem Ernst und ohne
Ängstlichkeit auf, so erweitert sich das Stoffgebiet ganz außer
ordentlich; es ist dann an gediegener, in jeder Beziehung einwandfreier Lektüre
kein Mangel mehr. Dann stehen wir auch nicht mehr abseits von dieser Be
wegung der Zeit, wir nehmen vielmehr teil an einem Streben, das, soweit es
von reinem Sinn geleitet ist, Wohlsein und Freude in manches Menschenherz
bringen wird. Lassen wir uns nicht abschrecken durch die schon erwähnte Tat
sache, daß manche Kunstschwärmer christentumsfeindliche Zwecke verfolgen. Als
vor etwa 50 Jahren die Naturwissenschaften ansingen, sich unter das Volk aus
zubreiten, da war es, wenn ich nicht irre, Moleschott, der an einen Freund
schrieb, man solle den Kampf gegen den kirchlichen Aberglauben nur lassen, man
solle nur fortfahren, die Menschen naturwissenschaftlich aufzuklären, dann werde
der Kirchenbau von selbst zusammenstürzen. Ähnlich dachte man aber in kirchlichen
Kreisen auch, man sah in der aufstrebenden Naturforschung eine Feindin des
religiösen Glaubens und war gegen jeden Fortschritt auf jener Seite äußerst
argwöhnisch. Glauben und Wissen galt hüben wie drüben als feindlicher Gegen
satz. Das hatte zur Folge, daß man in kirchlichen Kreisen die Fühlung mit der
im Siegesmarsch vorwärts schreitenden Naturwisienschaft verlor; die Leute der
Kirche standen völlig außerhalb der Zeitkräfte, ein Zustand, unter dem wir heute
aufs bitterste leiden und noch lange leiden werden.
Etwas Ähnliches liegt auch jetzt wieder vor. Die antikirchlichen Kunst
fanatiker haben durch ihr Vorgehen bewirkt, daß diese an sich so berechtigte Be
wegung, das Streben nach einer kunsterzieherischen Einwirkung auf die breiten
Volksmassen, in christlichen Kreisen mit großem Argwohn betrachtet wird. Man
erkennt auf unserer Seite vielfach das Gute daran gar nicht an, man hält sich
fern, und wenn man so fortfährt, kommt die Kirche zu dieser humanitären,

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