Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 453
sächlich von Hamburger Lehrern mit großem Eifer und Geschick vertretene For
derung erkennen auch wir an. Wir können dies um so eher, als schon vor
Jahren Wichern selbst auf diese Notwendigkeit hingewiesen hat. Leider ist diese
Mahnung viel zu wenig beachtet worden. Im allgemeinen wissen nur wenige,
wie schlimm es in dieser Hinsicht steht; vielfach denkt man, für ungebildete Leute
und für Kinder komme es vor allem auf die gute Gesinnung des Schriftstellers
an, mit dem Kunstwert eines Buches brauche man es so genau nicht zu nehmen,
dafür fehle doch das Verständnis. In dieser Hinsicht soll es ja nun besser werden.
Die sorgfältigste Rücksicht erfordern diejenigen Leser, deren Geschmack durch
schlechte Bücher — etwa durch Hintertreppen-Romane — verdorben ist. Sie
verlangen eine kräftige Speise, sie wollen eine stark bewegte Handlung, gewagte
Situationen. Der feine Reiz der Stimmung, besonders in der Naturschilderung,
die folgerichtige Entwicklung der Charaktere, der klare Aufbau des Ganzen —
alles dies kann nicht gesehen werden. Da ist es schon von Wert, wenn das
Schlechtere durch das minder Schlechte ersetzt wird.
Die schwierigste Frage soll uns nun zum Schluß beschäftigen. Es handelt
sich um Beschaffung guter Bücher. Die Innere Mission besaß vor einigen
Jahren 10 114 Bibliotheken, die 1659 evangelischen Jünglingsvereine allein
haben 212 000 Bände. Das ist — der Zahl nach — ein außerordentlicher
Reichtum. Entspräche dem auch die Qualität, so marschierte die Innere Mission
ohne Frage an der Spitze der ästhetischen Kultur. Es muß das Mögliche
geschehen, die vorhandenen Bestände zu reinigen und das Schlechte durch gute
Sachen zu ersetzen. Die Arbeit läßt sich nicht von heute auf morgen machen.
Es haben dazu außerordentlich viele Leute zusammenzuwirken, Leute, von denen
man schlechterdings nicht erwarten kann, daß sie alle die erforderliche ästhetische
Bildung und nur einige Übersicht über den Stoff haben. Es würde sich also
zunächst darum handeln, den zahlreichen Vereinen der Inneren Mission einen
einwandfreien, einen wirklichen Musterkatalog an die Hand zu geben. Dieser
müßte so beschaffen sein, daß er auf die verschiedenen Bedürfnisse: Stadt und Land,
Jugend und Erwachsene usw. Rücksicht nähme. Ferner muß eine Zentralstelle
da sein, die die Förderung dieser Sache, die Kontrolle über Neuerscheinungen
und die Verbesserung des Verzeichnisses beständig im Auge behält, die auch
imm rfort zur Förderung und Anregung der betreffenden Mitarbeiter tätig ist.
In dieser Hinsicht ist ein bedeutsamer Erfolg zu verzeichnen. Die von
Hamburg ausgehende Bewegung, der wir so viel Anregung verdanken, hatte durch
ihre radikalen Tendenzen bewirkt, daß in den evangelischen Lehrervereinen
sich Ausschüsse bildeten, um für das Bedürfnis des evangelisch christlichen
Volkes, besonders für die Schulen, geeigneten Lesestoff zu beschaffen. Es handelte
sich um Prüfung der vorhandenen Bücher und um Erarbeitung eines Verzeichnisses
von literarisch wertvollen, inhaltlich für unsere Kreise förderlichen oder doch zum
wenigsten einwandfreien Büchern. Einige arbeitsreiche Lehrjahre liegen nun hinter
uns. Es hat sich gezeigt, daß die Aufgabe eine recht schwere ist, die von allen
Beteiligten volle Hingabe erfordert. Vielfach war der gute Wille stärker, als
die erforderliche ästhetisch literarische Durchbildung. Es galt, sich frei zu machen
von den mit so großer Überzeugungskraft vorgetragenen Lehren jener Hamburger,
die auf eine Ausschaltung des eigentlich Christlichen und Patriotischen hinzielten,
wie von dem Einstusse der ererbten Tradition, nach der mit einer guten Ge
sinnung des Verfassers alles Wesentliche getan ist. Diese Vereine haben sich

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