Die Aufgabe der Inneren Mission in der literarischen Bewegung rc. 455
2. Diejenigen, die bisher diese Aufgabe verfolgten, hatten dabei hauptsächlich
zwei Beweggründe:
a) Man wollte durch das Schöne bilden und die Daseinsfreude erhöhen.
b) Man wollte durch den Kult des Schönen die Religion ersetzen.
3. Auch die Innere Mission war bisher für Pflege und Verbreitung guter
Literatur tätig, und zwar aus folgenden Gründen:
a) Sie wollte das Lesebedürfnis befriedigen und so Torheit und
Unrecht verhüten helfen.
t>) Sie wollte erziehen durch Darbietung inhaltlich guter Bücher.
Doch ist vielfach bei einem einseitigen Streben nach guter
Tendenz der literarische Wert nicht genügend gewürdigt worden.
4. Die Innere Mission muß ihre Aufgabe dahin erweitern, daß sie um
der formalbildenden und erziehlichen Bedeutung der Kunst willen neben
der speziell christlichen die allgemeine sogenannte weltliche Literatur mehr
als bisher berücksichtigt.
5. Zum Zweck der Beschaffung guter Bücher ist ein auf die verschiedenen
Bedürfnisie berechneter Musterkatalog erforderlich.
6. Die dahin gerichteten Bestrebungen des „Verbandes Evangelischer Schul-
und Lehrervereine" müssen von der Inneren Mission unterstützt werden.
Die vorstehenden Ausführungen betrachten die Frage der ästhetischen Er
ziehung (der literarischen Bewegung der Gegenwart) vom Standpunkt der Inneren
Mission. Die dabei hervorgehobenen Gesichtspunkte treffen zum Teil auch bei
der Schule zu. Fragen wir, warum die Schule Büchereien einrichtet und die
Kinder zur verständigen Benutzung anhält, so werden wir auch hier sagen dürfen:
sie will den Kindern eine angemessene Beschäftigung verschaffen, durch die sie
ihre freie Zeit in zweckmäßiger Weise ausfüllen, so daß kein Raum bleibt für
allerlei törichtes Treiben; sie will weiter die Kinder durch solche Lektüre in dem
christlich religiösen Gedankenkreise befestigen, in den die Schule wie auch eine
recht beschaffene häusliche Erziehung einführt. Die Schule wird es ablehnen, in
ihre eigentlichen Zwecke die Absicht der Volksbeglückung, die Erhöhung der
Lebensfreudigkeit der breiten Volksschichten durch die Pflege des literarischen
Jnterestes und Verständnisses aufzunehmen. So sehr wir als Menschen und
Bürger alles gern fördern werden, was diesen: Zwecke dient, so möchten wir doch
die Arbeit der Schule ausdrücklich auf Erziehung und Unterricht der Jugend
beschränkt haben, und zwar um so bestimmter, je lauter die Stimmen derjenigen
erschallen, die den Lehrer ohne weiteres zu einem — oder vielmehr zu dem *
eigentlichen — Volkserzieher und zu dem vornehmlich berufenen Anwalt sozial-
reformerischer Bestrebungen machen möchten. Es ist das ein Streben ins weite,
wobei nach allen Erfahrungen der Blick für die vor den Füßen liegenden Pflichten,
für das so mühevolle und auch bei treuer Pflichterfüllung von der Öffentlichkeit
oft so wenig anerkannte und gelohnte Wirken im engen Bereich der Schule all
zuleicht verloren geht.
In der gleichen Lage befindet sich ja auch die Innere Mission. Auch sie
faßt nicht ein volleres und reicheres Genießen künstlerischer Erzeugnisse und damit
ein stärkeres Sichausleben nach der literarisch ästhetischen Seite ins Auge. So
sehr gerade sie einerseits für die Hebung der leiblichen Notlage, für bessere
Wohnungen, gesundere Arbeitsbedingungen, Versorgung in Krankheitsfällen (Irren-,

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