456 II Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Blinden-, Taubstummenanstalten, Krüppelheime usw.) eingetreten ist, nicht allein
um der christlichen Barmherzigkeit willen, sondern auch geleitet von dem Gedanken,
daß das äußere Elend der Förderung im inneren Leben hinderlich ist, so weiß
sie d och andererseits sehr wohl, daß Leib und Geist grundverschiedene Dinge sind,
daß Kulturfortschritt nicht identisch ist mit dem Wachsen in ein christliches Leben
und Wesen hinein.
Mit allem Ernst, und zwar mit viel größerem Nachdruck als bisher muß
aber noch der Gesichtspunkt hervorgehoben werden, daß wir durch das Schöne
auf die sittliche Disziplinierung und Schulung des Kindes einen Einfluß ge
winnen können. Diesen Punkt darf, wie oben gezeigt, auch die Innere Mission
nicht übersehen.
Aber für die Schule liegt insofern eine ganz besondere Aufgabe vor, als
für sie das Ästhetische als solches Selbstzweck in der Erziehung ist. Sie hat
den ganzen Menschen zu bilden. Man darf es wohl als einen Gewinn unserer
Zeit ansehen, wenn die Herbartsche Schule der ästhetischen Bildung nicht bloß
eine regulative, sondern eine konstitutive Bedeutung im Lehrplan beilegt; nicht
bloß um des Sittlichen willen gehört das Schöne in den Unterricht auch der
einfachsten Dorfschule, sondern weil damit eine wesentliche Seite der menschlichen
Lebensentfaltung gefördert wird. In dem Lehrplane von Professor Rein (Ein
ladungsschrift des Vereins für Herbartsche Pädagogik in Rheinland und Westfalen
im Sommer 1901, S. 13) steht gleich neben dem Gesinnungsunterricht der
Kunstunterricht. Er sagt: „Unser Lehrplan — stellte Gesinnungs- und Künste
unterricht zusammen. Hatten wir bisher in unsern Lehrplänen schon Fächer, die
hier in Betracht kommen: auf dem Gebiet der körperlichen Ausbildung das
Turnen, die Spiele und Reigen, aus den redenden Künsten Poesie und Gesang,
aus den bildenden das Zeichnen, so handelt es sich in unserm Lehrplan nur
darum, sie unter dem obersten Gesichtspunkt der Geschmackbildung zu vereinigen,
namentlich das Zeichnen in der Erziehungsschule als Kunstunterricht zu betrachten
und das Modellieren ihm anzufügen" (S. 15 f.). Zeichnen und Singen gehörten
früher in die Fertigkeiten, jetzt dienen sie, wie auch die Poesie und der Stil,
der künstlerischen Ausbildung und Selbstdarstellung des werdenden Menschen.
Also „Kunsterziehung" sei die Parole der „Neuschule"? Ja, wer die
„Neuschule" will, nämlich eine Schule, die in Stoff und Methode nie gekannte
Wege gehen und so den geschichtlichen Entwicklungsgang abbrechen soll. der mag
immerhin die ästhetische Erziehung als die wichtigste Entdeckung unseres auf dem
, Gebiet der Pädagogik so verworrenen Zeitalters preisen.*) Wir sind nicht der
Meinung, das die Schule bisher das Schöne nicht gekannt und gepflegt habe;
und zwar haben auch die Kinder der „Vorzeit" mit Lust gesungen, gezeichnet,
Gedichte gehört und auswendig gelernt. Aber wir werden ja sehen, was die
Kunsteiferer praktisch Brauchbares hervorbringen werden; dann wird es wahr
scheinlich eine interessante Arbeit sein, nachzuweisen, daß auch das Allerneueste
schon einmal dagewesen und probiert worden ist. —
9 Im „Türmer" lese ich gerade (Oktober 1905, S. 64): „Es hebt eine schöne Zeit
an für all die armen Schulmeisterseelen, die bisher in der geistigen Folterkammer,
genannt deutsche Schule, geächzt haben. Im neuen Deutschen Reiche ist uns ein neues
Geschlecht von Erziehern herangewachsen, das es nicht länger dulden will, daß unsere
Jugend dressiert statt erzogen, gedrückt statt erhoben, verbildet statt gebildet werde."

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