Aus dem Leben Dr. K- Schneiders.
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lehrerstelle in Florenz schlugen fehl, und so nahm der junge Theologe die sich
1849 ihm bietende Stelle als Hilfslehrer an einer neubegründeten Töchterschule
in Neisse gerne an. Seine Verpflichtung lautete auf 24 wöchentliche Unterrichts
stunden, wofür ihm ein Monatsgehalt von 22 Tlrn. in Aussicht gestellt wurde.
Der Leiter Jäckel war ein schlichter Volksschullehrer, der aber bereits durch
Leitung einer Kadettenvorschule in Glatz sich solches Ansehen bei den Offizieren
verschafft hatte, daß sie ihn selbst zur Gründung einer Mädchenschule aufforderten.
Ganz offen schildert der junge theologische Lehrer seine Mißgriffe, die er an
fangs in dieser Schule machte, wenn er z. B. die Literaturgeschichte im ersten
Jahre seinen Schülerinnen diktierte, wie es sein Rektor einst in Prima gemacht,
die biblischen Geschichten lesen ließ anstall sie frei zu erzählen u. a. Durch das
eifrige Studium der einschlägigen Literatur, besonders von Diesterwegs „Weg
weiser", wurde sein Blick allmählich geschärft und der Unterricht freier. Die
gute Zucht, die in der Schule herrschte, und der rege Arbeitseifer des Lehrer
kollegiums zeitigten solche Erfolge, daß die Schülerzahl stetig stieg und eine kath.
Konkurrenzanstalt wieder eingehen mußte. Zu der Schnlarbeit kam auch die
Anforderung zum Predigen häufig an ihn heran, obgleich er noch nicht einmal
das erste theologische Examen gemacht hatte. Bedeutsam für sein inneres Leben
wurde eine Predigt, die er am 6. Mai 1849 über Jak. 1, 16 hallen sollte.
Davon erzählt er: „Das Bekenntnis zu dem lebendigen Gott, dem Vater des
Lichts, war unumgänglich. Die gewaltigen Stürme des Jahres 1848, der
Zusammenbruch der morschen Staatsgebilde und das frische Aufleben des Idea
lismus hatten mich wohl das Wehen eines göttlichen Geistes und das Walten
einer göttlichen Weltregierung fühlen lassen, aber zu einer vollen Klarheit hatte
ich mich nicht durchgerungen, jetzt mußte es geschehen. Mitten in der Nacht
stand ich auf, setzte mich an die Heilige Schrift, die Gedanken, die sich unter
einander verklagen und entschuldigen wollten, zu ordnen. Die Predigt war ein
Schmerzenskind, aber ich war zur Ruhe gekommen und zur Gewißheit."
Im Nov. 1850 folgte das erste theologische Examen, im April 1851 die
Ablegung der Rektorprüfung, die beide sehr „gemütlich" verliefen; in letzterer
unterhielt man sich über Diesterwegs „Wegweiser", Grubes „Geogr. Charakter
bilder" und andere bekannte Erscheinungen der pädagogischen Literatur. Den
Aufsatz durften die Prüflinge auf ihrem Zimmer machen und bekamen 24. Std.
Zeit dazu. Das Thema lautete: Der Unterschied zwischen der pädagogischen und
bürgerlichen Strafe.
Schon im Herbste 1851 legte er die zweite theologische Prüfung ab und
erlangte damit die Anwartschaft auf eine Anstellung im öffentlichen Kirchen- und
Schuldienste. Er meldete sich sofort auf jede erledigte Stelle, erhielt aber erst
bei der zwölften Bewerbung eine Probepredigt bewilligt und zwar in dem schlesi
schen Städtchen Löwen, wo das Doppelamt eines Diakonus und Rektors erledigt
war. Auf die Probepredigt über „Petri Fischzug" stimmten 151 Stimmen für
und 50 gegen ihn, so daß er mit Majorität gewählt war und Ende November
1852 dort einziehen konnte. Mutter und Schwester zogen mit und schufen ihm
ein schönes Heim; die Arbeit war groß, da er mit dem ersten Pfarrer nicht
weniger als die Stadt und elf Dörfer seelsorgerlich zu bedienen hatte, wozu für
ihn noch 26 Wochenstunden in der Rektoratschule kamen. Für letztere betrug
das Honorar monatlich 5 Tlr. und 25 Silbergroschen! Allmählich gelang es,
einen regelmäßigen Schulbesuch und bessere Zucht einzuführen, während die Aus-
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