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n. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
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bleiben zu dürfen, wurde Dr. Schneider 1870 von dort abgerufen und ihm die
Leitung des Seminars in der Reichshauptstadt übertragen. Er trat sein Amt
am 1. April an, nachdem er am Tage vorher sein liebes Söhnchen Hcms zur
letzten Ruhestätte hatte begleiten müssen; wenige Monate später folgte der noch
herbere Verlust des ältesten Sohnes Fritz, der im fernen Schmiedeberg an einem
Herzleiden starb.
War auch in Berlin manches zu reformieren, so war doch die Arbeit an
einem Seminar, wo Diesterweg und Thilo gewirkt, in einem anderen Zuge, so
daß sich Dr. Schneider in dieser Stellung bald wohl fühlte und gerne mithalf,
wo man seine Dienste begehrte, so in der Leitung der Preußischen Hauptbibel
gesellschaft durch Herausgabe eines „Wegweisers durch die Heilige Schrift", in
dem evangelischen Erziehungsverein für verwahrloste Kinder u. a. £).
Anfangs 1872 trat Kultusminister v. Mühler zurück, und ihm folgte
Geh. Oberjustizrat Falk, der durch seine Vertretung des Haftpflichtgesetzes im
Reichstage, sowie durch die Gewandtheit, mit welcher er die Verhandlungen wegen
Einführung der preußischen Staats- und Kirchenordnung in Lauenburg geleitet
hatte, die besondere Aufmerksamkeit Bismarcks erregt hatte. Als alter Freund
gratulierte ihm Dr. Schneider und wünschte ihm, daß sich an ihm die Ver
heißung Jesaias 58, 2 erfüllen möge: „Es soll durch dich gebauet werden, was
lange wüste gelegen ist, und wirst Grund legen, der für und für bleibet."
Falk dankte ihm freundlich, aber während der ersten Monate kamen die beiden
Männer nicht weiter in Berührung miteinander. Falk hatte als Minister die
Aufgabe, gegenüber den Ansprüchen der römisch-katholischen Hierachie, welche die
volle Aufsichtshoheit über die Schule beanspruchte und in Schlesien sogar ein
österreichisches Lesebuch gebrauchen ließ, die Staatsrechte zu wahren. Es geschah
durch das preußische Schulaufsichtsgesetz vom 11. März 1872. Die nächsten
Aufgaben waren Schutz der altkatholischen Lehrer, Einführung ausreichender
Pstege der deutschen Sprache in Gegenden mit gemischter Bevölkerung und gründ
liche Revision des Volksschul- und Lehrerbildungswesens. Letzteres war bekanntlich
durch den 1844 unter Minister Eichhorn nach Berlin gerufenen Neuwieder
Seminardirektor Ferd. Stiehl durch die Regulative vom 1., 2. und 3. Okt.
1854 in eine Bahn geleitet worden, die von den verschiedensten Seiten heftig
angegriffen wurde. Uber Stiehl selbst urteilt sein Nachfolger: „Er war ein
Mann von hoher Begabung, der groß gebaut und geschaut hat; aber er war
ein heftiger, etwas gewalttätiger Charakter, welchen sein Idealismus bisweilen
weiter fortriß, als er selbst wollte, und ihn oft in einem falschen Lichte er
scheinen ließ. Er war gewiß kein Dunkelmann, aber er hat vielen als solcher
gegolten. Um die Seminare, denen sein Herz gehörte, hatte er schwere Kämpfe
zu bestehen mit Gegnern, die kleine von Landgeistlichen geleitete Anstalten an
ihre Stelle setzen wollten." Der schlimmste Fehler der Regulative war, daß sie
das Bildungsziel für die angehenden Lehrer viel zu niedrig steckten, neben dem
Religionsunterricht alle anderen Fächer zu Nebenfächern herabdrückten und dem
Drill Tür und Tor öffneten.
Als nun v. Mühler zurücktrat, wurde der Sturm gegen Stiehl heftiger,
da gab er ein Schriftchen heraus „Meine Stellung zu den Regulativen", das
feine Position aber nur verschlechterte; selbst die Konservativen wurden verstimmt,
als sie lesen mußten, der fromme Ton in den Regulativen sei angeschlagen
worden, um „die geistlichen Schulinspektoren zu gewinnen"!!

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