Aus dem Leben K. Dr. K. Schneiders.
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Falk berief, um sich erst selbst allseitig zu unterrichten und etwas Ordent
liches zu schaffen, eine Konferenz zur Beratung über Fragen des Volksschul
wesens. Am 11. Juni 1872 trat diese zusammen. Sie bestand aus dem
Minister, dem Unterstaalssekretär Dr. Achenbach, den Ministerialräten Stiehl,
Dr. Stieve, Linhoff, Wätzoldt und v. Cranach, den Schulräten Arnold, Bayer,
Bock. Keller, Spieker und Wetzet, den Seminardirektoren Fix, Giebe, Lange,
Schorn und Freibel, dem Berliner Schulvorsteher Bohm, Haupt lehr er
Dörpfeld, Dr. Schirm, Direktor Weiß und den fünf Landlagsabgeordneten
v. Kleist-Retzow, v. Mallinckrodt, Oberlehrer Paur, Prediger Richter und
Gymnasialdirektor a. D. Techow. Dr. Schneider war zu seiner eigenen Ver
wunderung nicht eingeladen worden, erhielt aber fortwährend Kenntnis von den
Beratungen durch mehrere bei ihm verkehrende Konferenzmitglieder, bis gegen
Ende des Monats eine Berufung zum Minister kam, der ihm eröffnete, daß
St. entschlossen sei, in den Ruhestand zu treten; er solle sein Nachfolger werden
und sei darum nicht eingeladen worden, damit er als „neuer Mann" vor den
Landtag treten könne. Auf die Aufforderung, selber neue Regulative zu ent-
tverfen und dazu Hilfe und Beirat anzunehmen. von wem er wolle, setzte
Dr. Schneider dem Minister seine Pläne auseinander und berief sich besonders
auf die Dekrete des französischen Ministers Duruy, die er schon früher eingehend
studiert und vorbildlich gefunden hatte.
In den Sommerferien, die er in Schmiedeberg zubrachte, arbeitete er nun
die einschlägigen fünf Erlasse aus, die nach nochmaliger Umarbeitung und ein
gehenden Besprechungen mit Sachverständigen die volle Billigung des Ministers
fanden. Vor endgültiger Festsetzung in einer Konferenz ging der Verf. noch nach
Halle zu einem Kongreß der Innern Mission, wo er einen Vortrag hielt über
den „Lehrermangel, als eine Gefahr für das christliche Volks
leben in Deutschland", um damit auszudrücken, daß er „seine bisherige
kirchliche Stellung nicht der bevorstehenden Beförderung opfern wolle." Trotzdem
verziehen ihm die landeskirchlichen Parteien der äußersten Rechten den Eintritt in
das Ministerium F. nicht.
An der Konferenz zu endgültiger Festsetzung der neuen Bestimmungen
nahmen unter dem Vorsitz des Unterstaatssekretärs Dr. Achenbach die Räte des
Ministeriums teil; war auch anfänglich die Stimmung Stiehls noch sehr erregt,
so legten sich nach und nach die Wogen, und am 15. Okt. konnte dem Minister
die Vollendung des Werkes gemeldet werden. Um 8 Uhr abends mußte
Dr. Schneider beim Minister erscheinen, wo es sofort an die Arbeit ging. Als
die erste Bestimmung, das Volksschulwesen betr., durchgesehen war und Falk
unterschreiben wollte, sagte Schneider zu ihm: „Stiehl hat mir zur Pflicht ge
macht, dich darauf hinzuweisen, daß du seit deinem Amtsantritte eine gleich
wichtige Bestimmung noch nicht unterzeichnet hast." „Ich weiß es", sagte er,
nahm die Feder und unterzeichnete mit den Worten: „In Gottes Namen!"
Mit den folgenden Entwürfen ging es schneller, als der fünfte unterschrieben
war, schlug die Glocke 12. „So haben wir ja", sagte F., „gerade an Königs
Geburtstag unser Werk vollendet." Unter tiefer Bewegung schieden die beiden
Männer, sich der großen Verantwortlichkeit voll bewußt, die sie auf sich ge
nommen. Unter dem gemeinsamen Titel „Allgemeine Bestimnlungen, betr. das
Volksschul-, Präparanden- und Seminarwesen" wurden die neuen Ordnungen
unter dem 15. Okt. 1872 veröffentlicht. Sie wurden von Lehrern und Schul-

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