Aus dem Leben Dr. K. Schneiders.
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hier bewahrte sich Dr. Schneider sein gesundes Urteil, indem er diese Be
strebungen für Knabeninternate wohl geeignet fand, aber von einer obligatorischen
Einführung in die Volksschule ganz entschieden abriet.
Unter der von 1881—1890 währenden Tätigkeit des Ministers v. Goßler,
der mit dem lebendigsten Interesse an sein Amt herantrat, konnte Dr. Schneider
eine äußerst erfolgreiche Neuarbeit auf dem Gebiete des Taubstummen- und
Blindenunterrichts beginnen, die ihn schon immer interessiert, und die nun durch
die warme Unterstützung des Ministers und der beteiligten Fachkreise in ge
ordnete Bahnen gelenkt werden konnte; nebenher liefen eingehende statistische
Studien, die in Gemeinschaft mit Dr. Petersilie herausgegeben, bedeutsame
Quellenwerke für das preußische Volksschulwesen geworden sind. Diese Arbeiten
wurden unter Minister Bosie eifrigst fortgesetzt, wozu als äußere Veranlassung
die Beschickung der Weltausstellung in Chikago trat, wo die ausgedehnte statistische
Vertretung des preußischen Volksschulwesens lebhafte Anerkennung fand. Da
zeigte sich's, welcher gewaltige Fortschritt in den letzten Jahrzehnten erzielt worden
war. In den vierziger Jahren besuchten in Posen erst 61, in der Rhein
provinz 80 Proz. die Schule; in den Städten war es noch schlimmer. Elber
feld hatte 79, Aachen dagegen nur 37 Proz. Schulbesucher. In Berlin besuchten
noch 1873 über 8000 Kinder Privatschulen, während 1896 bereits 212 Schulen
mit 3583 Klassen und 190 146 Schülern bestanden. Von 79431 Lehrern
und Lehrerinnen waren 99,81 Proz. vorschriftsmäßig geprüft. Die Kosten des
Volksschulwesens waren in der Zeit von 1891—1896 von 146 auf 185 Mill.
Mark gestiegen; das Durchschnittseinkommen der Lehrer, das 1821 erst 323,
im Jahre 1861 nur 634, 1871 797 M. betragen hatte, stieg 1891 bereits
auf 1418 und 1896 auf 1544 M., und ist seit der Neuregelung vom 3. März
1897 noch höher geworden. Während die Analphabeten im Heere im Jahre
1867,68 noch 3,72 Proz. ausmachten, waren es 1896/97 nur noch 0,16 Proz.
Auch für die Ordnung des Mädchenschulwesens konnte der inzwischen
zum Geh. Oberregierungsrat ernannte unermüdliche Mann noch eine wichtige
Arbeit leisten, indem nach vielseitiger Beratung unter dem 31. Mai 1894 ein
neuer Lehrplan für die Mädchenschulen erlassen wurde. Der Kursus wurde auf
neun Jahre beschränkt, um den Mädchen die Möglichkeit zu schaffen, bis zum
16. Jahre die ganze Schule durchzumachen. Dr. Schneider stand, wie er selbst
immer wieder hervorhebt, gerade in dieser Frage das Bild seiner sel. Mutter
als Beispiel vor Augen, die eine „gebildete" Frau war; er suchte das Heil
nicht in einer Anhäufung von Wissen, sondern in wirklicher Herzensbildung.
Darum war er auch ein Feind der übertriebenen Anforderungen bei Lehrerinnen
prüfungen und suchte die Zahl derselben überhaupt auf das Mindestmaß zu be
schränken. Um den Lehrerinnen, welche trotzdem die wissenschaftliche „Ober-
lehrerin" machen wollten, die Wege zu ebnen, wurden Kurse in Berlin, Königs
berg, Breslau, Göttingen, Münster und Bonn eingerichtet und besondere
Prüfungskommissionen in den Provinzen gebildet.
Die Feier des 70. Geburtstages, den der Jubilar in Bromberg bei einer
dort verheirateten Tochter verlebte, brachte ihm von allen Seiten Beweise der
Liebe und Anerkennung, die sich 1897 bei der 25 jährigen Wiederkehr des Er-
lasies der „Allgemeinen Bestimmungen" noch verstärkten. Neben der „Karl
Schneider-Stiftung", die mit l1000 M. ins Leben trat, machte ihm besondere
Freude der Brief Dr. Falls, der an ihn schrieb:

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