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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
Denn zur Erziehung gehört Freiheit, ein Spielraum freierer Bewegung,
wie wir ihn in einem Strafhause nicht gewähren können; da sind nun einmal
Gitter und hohe Mauern nicht zu entbehren. Zur Erziehung Jugendlicher ge
hört die Pflege jugendlicher Lust, im Gefängnis ist Behagen und Vergnügen
ausgeschlossen. In Erziehungsanstalten werden harmlose Spiele geübt im Zimmer
und Freien, Spaziergänge gemacht, wird musiziert mit Blasinstrumenten, Trom
meln und Pfeifen rc.; in den Gesängniflen verbietet sich das alles von selbst.
Überhaupt und vor allem gehört zur normalen Erziehung Jugendlicher fröhliche
Gemeinschaft, während der erste Grundsatz für die Internierung Jugend
licher ernste Einzelhaft ist, die auch in der Regel von den mehr anpassungs
fähigen jungen Menschen leichter vertragen wird, als bei den Erwachsenen. Der
Gesamtcharakter beider Anstalten in Arbeit und Erfolg, Lohn und Strafe, Auf
sicht und Disziplin ist grundverschieden. Genug, der Unterschied zwischen der
Strafhaft für Jugendliche und die Unterbringung in einer Erziehungsanstalt
bleibt ein grundsätzlicher und praktisch sehr fühlbarer, auch wenn, wie wir for
dern, sämtliche Maßnahmen im Jugendlichen-Gefängnis an dem Erziehungszweck
orientiert werden. Würde dieser Charakter verwischt, das eigentliche Strafübel
eliminiert, so würden unsre jugendlichen Delinquenten sich noch viel rascher mit
dem Gefängnis aussöhnen und es der Zwangserziehungsanstalt noch weit mehr
vorziehen, als sie es leider so schon tun.
Wird dies nun zugegeben, daß die Strafe, soweit es nach dem Charakter
des Gefängnisses möglich ist, in allen ihren Veranstaltungen auf die Jugend
lichen erziehlich wirken soll, so ist eine unerläßliche Bedingung für solche er
ziehliche Einwirkung, daß die Jugendlichen von jeder Berührung mit den Er
wachsenen fern gehalten, also in besonderen Anstalten, bezw. räumlich gesonderten
Anstaltsflügeln interniert werden. Die Einrichtung von Gefängnissen für Jugend
liche empfiehlt sich auch im Hinblick auf die größere Auswahl für die Beschäfti
gung und Heranziehung von geeigneteren Aufsichtskrästen.
Was nun die Beschäftigung selbst anlangt, so haben sämtliche drei
über unsere Frage eingereichten Gutachten auch den Unterricht als den wesentlichsten
Teil der Beschäftigung in ihre Erörterung einbezogen. Der Ausschuß war aber
der Ansicht, daß über die Notwendigkeit und erziehliche Bedeutung, über Stoff und
Ziel des Unterrichts kaum noch eine wesentliche Meinungsverschiedenheit möglich
ist und daß wir uns daher an den, engeren und technischen Begriff des Wortes
Beschäftigung in unsrer Frage zu halten hätten. Nur das ist zu betonen, daß
der Unterricht mit seinen täglich zwei Stunden selbstverständlich in die Arbeitzeit
hineingehört und in keiner Weise durch die sonstige Beschäftigung verkürzt und
beeinträchtigt werden darf, auch nicht durch die Zeit zur Anfertigung von Schul
arbeiten.
Der Zweck der eigentlichen Gefängnisarbeit ist natürlich nicht der, ein
möglichst hohes Pensum zu leisten und einen möglichst hohen finanziellen Ertrag
zu erzielen, sondern die Jugendlichen zu befähigen, sich draußen selbständig weiter
zu helfen. In erster Linie kommt also handwerksmäßige Beschäftigung in
Betracht, vor allem Schreinerei und Schuhmacherei, eventuell auch Korbmacherei,
die in Zellen sehr wohl betrieben werden kann. Dies ist aber nur da möglich,
wo genügende Zeit zur Verfügung steht. Darum sind uns die kurzzeitigen
Jugendlichen eine doppelte Crux. Für eine größere Anstalt ist berechnet, daß
40 Proz. der Jugendlichen bis zu 6 Monaten, 26 Proz. 6—12 Monate und

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