Erziehungsarbeit an jungendlichen Gefangenen.
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um 34 Proz. über 1 Jahr zu verbringen hatten. Wir erreichen durch die
Strafen bis zu 6 Monaten bei ihnen nichts anders, als daß sie die Scheu vor
dem Gefängnis abstreifen, und können sie außerdem garnicht angemessen be
schäftigen. In letzterer Beziehung sehe ich allerdings die Sache nicht so pessi
mistisch an, wie viele Beurteiler, die von einer mechanischen Arbeit überhaupt
nichts wissen wollen und daher fordern, daß Strafen bis zu einem Jahr garnicht
vollzogen werden. Auch die rein mechanischen Arbeiten wie Dütenkleben, Matten-
flechten rc. können immerhin die Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit und den aus
dauernden Fleiß in erheblichem Maße üben. Die Jugendlichen zu Rottenburg
werden mit dem Zusammensetzen von Schwarzwälder Uhren beschäftigt, wozu
nur geringe Lehrzeit gehört, und was doch für die Knaben einen gewissen Reiz
hat; ist die Arbeit auch rein mechanisch, so bringen sie doch etwas Ganzes zu
stande. In Derendorf hatten wir früher eine Leiterfabrik, auch da war
die Zusammensetzung der einzelnen Stücke eine höchst simple Arbeit, und von
einer ordnungsmäßigen Ausbildung im Schreinerhandwerk war keine Rede, aber
die Jungen konnten doch wenigstens mit Hobel und Säge, Hammer und Zange
und Schraubenzieher zweckmäßig umgehen, und das ist doch nicht zu unterschätzen.
Ebenso gehört zur Schnitzarbeit keine lange Lehrzeit. Aber es ist das alles
doch nur Notbehelf; der großen Mehrzahl der Jugendlichen können wir doch
nicht zu einer gewerblichen Ausbildung verhelfen, die sie hernach mit Erfolg zu
verwerten in der Lage wären. Am lohnendsten ist vielleicht immer noch die
Schuhmacherei; da können nicht ganz ungeschickte Hände schon in fünf
Monaten etwas Brauchbares zuwege bringen, und diese Kunst kann jeder später
mit Nutzen verwenden. Daß man bei Zuweisung der Arbeit das Interesse und
den Wunsch des Jugendlichen berücksichtigt, halte ich für angemessen.
Für die aus der Landwirtschaft stammenden Jugendlichen ist gewiß
die Garten- und Feldarbeit überaus wünschenswert. Nur muß sie von der
Anstalt unmittelbar geleitet werden; die Jugendlichen dürfen keinesfalls bei
Landleuten ausgemietet werden, wodurch der Zweck des Strafvollzuges doch allzu
sehr leiden würde. Und überhaupt ist bei aller Arbeit außerhalb der Anstalls
räume zu bedenken, daß das Strafhaus doch nicht zur Sommerfrische gemacht
werden darf. Auf eine scharfe Scheidung zwischen der handwerksmäßigen und
landwirtschaftlichen Beschäftigung lege ich nicht so das Gewicht wie einige Herren
Gutachter. Auch der Landarbeiter kann die Übung mit Handwerksgerät sehr
wohl gebrauchen, und umgekehrt ist z. B. unsre bergisch-märkische Klein-Eisen
industrie oft zum großen Teil noch mit Feldarbeit verbunden, ebenso der Bergbau.
Neben der eigentlichen Arbeit stehen nun noch die häuslichen Ver
richtungen: Bettmachen, Reinigen des Körpers, der Kleider, der Geräte, der
Zelle. Auf die sorgfältige Ausführung dieser Arbeiten ist im erziehlichen In
teresse sehr viel Wert zu legen. Unsre oft so grenzenlos verwahrlosten Jungen
pflegen gerade an diesen unscheinbaren Aufgaben zum Anstand, Sauberkeit, Ordnung,
ästhetischen Sinn, kurz zur Menschlichkeit sich zu erheben; sie lernen dadurch mehr
auf sich selbst zu halten; der Engländer sagt: Reinlichkeit steht der Frömmigkeit
am nächsten.
Was endlich die arbeitfreie Zeit betrifft, so muß sie natürlich eben
falls sorgsam mit natürlicher Beschäftigung ausgefüllt werden, damit die Jugend
lichen nur keinen Augenblick müßig dasitzen und auf dumme Gedanken kommen.
Sie müssen des Abends so müde sein, daß sie nicht wissen, wie schnell sie ein-

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