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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
wurde wiederholt mit großer Entrüstung zurückgewiesen, und noch auf dem Lehrertage
in Königsberg konnte Generalsuperintendent Braun seine Freude darüber aussprechen,
daß die Lehrer nicht nach Beseitigung der Religion aus der Schule verlangten. In
seiner Schrift: „Die Befteiung der Bolksschullehrer aus der geistlichen Herrschaft" sagt
der bekannte Würzburger Lehrer Jakob Beyhl: „Noch auf jeder Lehrerversammlung,
wo man voll Bitterkeit gegen die geistliche Schulherrschaft zu Felde zog, hat man in
gleichem Atemzuge ausgerufen: „Aber den Religionsunterricht lassen wir uns nicht
nehmen." Das waren nicht scheinheilige Worte, die eine Religionsfeindschaft maskieren
sollten, das war ein aufrichtiges Bekenntnis" (S. 36 f.). Hat Beyhl recht? Wir
glauben nicht. Denn nachdem jene Kreise sich in dieser Weise für den Religionsunter
richt ins Zeug gelegt hatten, mußten sie zu dem Vorgehen der Bremer in bestimmtester
Weise Stellung nehmen. Davon haben wir bis jetzt nichts gemerkt. Damit wird aber
gerade jene Äußerung Beyhls zu einer furchtbaren Anklage gegen einen großen Teil
der Lehrerschaft.
Man hört jetzt wohl die Frage: Wie war das in Bremen möglich? Diese Frage
ist berechftgt, ja sie ist notwendig, und wenn in unserer evangelischen Volksschule und
in unserer Kirche noch Leben ist, so darf man nicht ruhen, bis die Quellen dieses Ab
falls gefunden sind.
Auf einen Punkt sei hier hingewiesen. Der Religionsunterricht in den Seminaren
ist vielfach nicht in den richtigen Bahnen. Der Württemberger Pfarrer Otto Wilhelm
hat in Stuttgart einen Vortrag über die derzeitige Bildungslage des Volksschullehrer
standes gehalten. Er sagt darin (nach den „Päd. Blättern" S. 412): „Der theoretische
Begriff der Religion herrscht vor; die Religion ist ein Ganzes dogmatischer Wahr
heiten; Voraussetzung für dieselbe ist ein buntes Vielerlei von Kenntnissen; ein Aufbau
auf der sagen wir einmal: rechten Bibelwissenschast fehlt; ihre Arbeit wird ignoriert
oder bestritten." Wir wollen zu der hier geforderten „Bibelwissenschast" jetzt keine
Stellung nehmen; soviel ist gewiß, daß die Kenntnisse viel zu sehr im Vordergründe
stehen, daß die methodisch technische Ausbildung den Unterricht beherrscht und die Frage
nach der rechten Ausrüstung für den späteren Kampf um eine religiöse Weltanschauung
dahinten bleibt.
Welche Früchte allerdings ein aufllärerischer, kritizistischer Religionsunterricht im
Seminare zeitigt, sagen uns die Bremer Lehrer selbst in ihrer Petition an den Senat;
es heißt dort: „dazu kommt, daß der bei weitem größte Teil der bremischen Lehrer
schaft die erwähnten freien Ansichten teilt oder ihnen doch nahe steht. Es ist dies er
klärlich bei der unbefangen wissenschaftlichen, auf historisch-kUtischer Grundlage auf
gebauten Art und Weise, wie der Unterricht im Seminar von jeher erteilt worden ist.
In gleicher Richtung wirken die vielfach betriebenen Studien der einzelnen und die
Berührung mit Männern der Wissenschaft, wie sie u. a. durch die von einer hohen
Behörde unterstützten Hochschulkurse herbeigeführt wird." Da bekommt die „hohe Be
hörde" auch ihr Teil.
Was hat die Schule in Bremen durch die an sich ja erfteuliche Entscheidung des
Senats gewonnen? Wir meinen: nichts! Oder was möchte man wohl von dem
Religionsunterricht jener Lehrer, ja auch von ihrem übrigen Unterricht — wenigstens
in den humanistischen Fächern — erwarten?
In der „Christlichen Welt" (Nr. 41) spricht Martin Schian mit der
schmerzlichsten Enttäuschung von den Vorgängen in Bremen. „Daß ich darin lesen
könnte, was der Bildung unserer Tage und jenes Standes zur Ehre, den Freunden
der Religion zur Hoffnung gereicht! Ich kann es nicht. Mir ist die Denkschrift wohl
ein gewichttges Dokument für die ungeheuren inneren Schwierigkeiten, die heute auf
dem Religionsunterricht in den Volksschulen lasten, zugleich aber — leider! — auch ein
ernstes Dokument dafür, wie fremd, ja wie verständnislos heute weite Kreise aus den
gebildeten Schichten unseres Volks aller Religion gegenüberstehen. — Das ist das Tief
schmerzliche an dieser Denkschrift, die 273 Lehrer gutgeheißen haben, daß in ihr kein
einziges warmes Wort für die Religion steht!
Ein rheinischer Pfarrer über die geistliche Schulinspektion. Als kürzlich Rettor
Hartmann in Mülheim a. d. Ruhr ein Amtsjubiläum beging, wurden ihm vom
Pfarrer Müller als dem Vorsitzenden des Presbyteriums die Glückwünsche dieser Körper
schaft überbracht. In seiner Rede kam er auch auf die geistliche Schulinspektton zu
sprechen, und es ist erfreulich zu sehen, wie ganz anders er sich dazu stellte als die

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