Rundschau.
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Westfälische Provinzialsynode. Wir entnehmen der Ansprache nach einem Bericht der
„Evangelischen Volksschule" folgendes:
„Gerade als Pfarrer möchte ich es hier ausdrücklich betonen, daß unser kirchlicher
Unterricht zum großen Teile darum so erfreuliche Früchte zeitigt, weil lange Jahre hin
durch still und unbemerkt in der Schule an den Kinderseelen eine Vorarbeit geleistet
wird, in der sich unter dem Gnadenbeistande des göttlichen Kinderfreundes persönliches
Leben und Erleben mit methodischer Darbietung wirksam verbindet. Und was wir im
Gemeindeleben sonst an erfreulichen Erscheinungen wahrzunehmen vermögen, entschieden
religiöse Grundstimmung, berechtigter Mannesstolz, Überzeugungstreue und Charakter
festigkeit, Barmherzigkeit und Liebe, alles himmlische Güter, die zu pflegen und zu
wahren Aufgabe der christlichen Kirche ist, wir wollen es nicht ausschließlich, aber zum
großen Teile der Fundamentalarbeit unserer Volksschule zuschreiben. Der Schule und
der Lehrerschaft insgesamt gilt darum der Kranz des Dankes, den ich heute auf das
festliche Haupt des Jubilars niederzulegen berufen bin. Nun sind diese Segnungen ja
zweifellos auf eine Zeit zurückzuführen, die unter dem Zeichen der geistlichen Ortsschul
aufsicht stand, womü freilich nicht bewiesen wäre, daß sie notwendig von diesem Systeme
herrühren. Aber selbst dieses System, gegen dessen Existenzberechtigung die fortschreitende
Entwickelung der Verhältnisse manches Stichhaltige vorzubringen vermocht hat, konnte
in der Hand von Männern, die, wie mein geliebter Herr Amtsbruder und seine Mit
arbeiter von der Schule, Takt, Weisheit und Verständnis glücklich zu mischen wissen,
ein Instrument werden zur Hebung des Schulwesens und zur Stärkung des Vertrauens
und Freundschaftsverhältnisses zwischen Schule und Kirche. Jedoch sind die Männer,
in deren Hände die Leitung des Schulwesens in unserer Gemeinde gelegt ward, weit
davon entfernt, in dem genannten System eine Panazee, ein Allheilmittel für die
etwaigen Schäden der Schule und die offenbaren Schäden des Volkslebens zu sehen.
Nein, als das vierte Schulsystem derartig wuchs, daß die Normalzahl der Klassen weit
überschritten wurde, als die Königliche Regierung beabsichtigte, dem Leiter unseres
größten Schulsystems den Rektortitel zu verleihen, da war es vornehmlich ein Akt der
Weisheit meines Herrn Amtsbruders, daß er hierzu den Weg bahnte durch Überlassung
seiner schulinspektoralen Funktionen an den Herrn Jubilar. Damit war in der Tat
jenes andere Prinzip, die Fachaufficht, als daseins- und gleichberechtigt anerkannt.
Haben sich nun etwa die Befürchtungen, die sich nicht hier, sondern
außerhalb unserer Tore an dieses System heften, verwirklicht? Nein,
das ist nicht geschehen. Vielmehr darf ich als Kirchenmann, der in keinem amt
lichen Verhältnisse zum Schulbetriebe steht, es freudig und dankbar aussprechen: Die
selben Segnungen fließen von seiten der. Schularbeit auch heute noch
unserer Gemeinde zu, dasselbe Vertrauens- und Freundschafts
verhältnis besteht noch heute, und es wird in Zukunft um so fester
bestehen, als ohne Verkürzung eines kirchlichen Anspruches — ich sage
nicht: Rechtes — ein berechtigter Anspruch von Schule und Lehrerschaft
erfüllt ist. Denn das darf ich, ohne den Rahmen meines Auftrages zu überschreiten,
getrost aussprechen, daß ein Stand, der im Laufe weniger Dezennien sich zu nicht ge
ahnter Höhe emporgearbeitet hat, in dem ein so vorbildliches Streben nach Weiter
bildung der Persönlichkeit und des ihm anvertrauten Werkes lebt, ein Stand, der die
moderne pädagogische Wissenschaft schuf, der trotz vielseitiger Verkennung in unentwegter
Treue die hohen Gedanken der Gottesfurcht, Vaterlands- und Nächstenliebe in die
Seelen unserer Liebsten senkt, würdig ist, sich selbst zu beaufsichtigen. Das
ist etwas, was bei anderen Ständen so selbstverständlich ist, daß es gewiß die höchste
Verwunderung erregen würde, wenn etwa — ich möchte nach keiner Seite verletzend
empfunden werden — ein Meister von der Nadel über eine Schuhmacherwerkstatt gesetzt
oder zum Direktor einer Schneiderakademie ein Zunftgenosse des Hans Sachs erkoren
werden sollte. Dabei vergesse ich keineswegs, daß auch diese Regel ihre Ausnahmen
haben kann, wie z. B. hier in Styrum, wo ein in langjähriger Erfahrung gereifter
Mann an der Spitze des Schulwesens steht."
Es ist klar, daß diese Worte über den Rahmen einer bloßen „Festrede" weit hin
ausgehen. Es kam dem Redner offenbar nicht bloß darauf an, dem Jubilar die üblichen
Glückwünsche und fteundliche Worte zu sagen. Er wollte zweifellos gleichzeitig seine
Ansicht über eine überaus wichtige Frage, die das Verhältnis von Schule und Kirche
und eine Lebensftage des Lehrerstandes betrifft, klar und bestimmt zum Ausdruck
bringen. Wir sind dem Herrn Pfarrer Müller dankbar für die Art und Weise, wie er
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