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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens.
sich über diese Frage geäußert hat, und sind gewiß, daß auch unsere Leser von der
unverkennbaren Herzenswärme der Festrede angenehm berührt sein werden. Daß in
festlichen Ansprachen in der Regel die Farben etwas stark aufgetragen werden, ist ja
bekannt, und es mag auch hier der Fall sein. Aber das berührt den Kern der Sache
nicht. Für uns ist wesentlich, daß sich gewisse Befürchtungen, die nun einmal in ge
wissen Kreisen mit der Einführung der Fachaufsicht verknüpft sind, nicht erfüllt haben,
daß die Fachaufsicht als ein berechtigter Anspruch von Schule und Lehrerschaft an
erkannt und daß der Lehrerschaft die Fähigkeit und Würdigkeit zugesprochen wird, sich
selbst zu beaufsichtigen. Wir hielten es für unsere Pflicht, unsern Lesern dieses Urteil
eines evangelischen Pfarrers nicht vorzuenthalten.
Die Westfälische Provinzialsynode und die Schulaufsicht. Die Westfälische Pro
vinzialsynode hat nach einem Vortrage des Gymnasialdirektors vr. Oetling „Über die
Ortsschulaussicht und das geistliche Amt" folgende Resolution angenommen:
„Bei der hohen Bedeutung der christlichen Religion als eines Haupterziehungsfaktors
der Jugend hält die Provinzialsynode an der Überzeugung fest, daß die Schulaufsicht,
besonders die Ortsschulaufsicht, auch heutzutage am besten von Geistlichen
ausgeübt wird und spricht die zuversichtliche Erwartung aus, daß die evangelischen
Geistlichen Westfalens nach wie vor sich der Schule und ihrer Lehrer in diesem Amte
mit allen Kräften anzunehmen gewillt sein und den für die Volkserziehung so not
wendigen Zusammenhang zwischen Kirche und Schule fördern helfen werden."
Diese Stellungnahme der Westfälischen Provinzialsynode steht im schärfsten Wider
spruch zu den Kundgebungen der rheinischen Kreissynoden, die sich erfreulicherweise fast
einstimmig für die Aufhebung der geistlichen Ortsschulinspektion ausgesprochen haben,
und wir können nicht umhin, unserm tiefsten Bedauern über die Resolution Ausdruck
zu geben, nicht um des Lehrerstandes willen — denn der wird seine berechtigten Forde
rungen doch durchsetzen —, sondern um der Kirche und der religiösen Erziehung der
Jugend willen. Die Schulaufsicht der Geistlichen, deren segensreichen Einfluß in
früheren Zeiten wir gern anerkennen, ist eine veraltete und längst zum Unrecht ge
wordene Einrichtung, die vom Lehrerstande als eine seine Amtsehre verletzende Be
vormundung empfunden wird und empfunden werden muß. Wenn nun die Kirche, die
berufene Hüterin und Pflegerin der Religion und der Moral, in vermeintlichem religi
ösem Interesse die durch und durch gerechte Forderung des Lehrerstandes glattweg
ablehnt, braucht man sich da zu wundern, daß die Abneigung und Erbitterung gegen
die Kirche und die Geistlichen im Lehrerstande immer weiter um sich greift und selbst
die ernst christlich gesinnten Lehrer erfaßt? „Die Forderung einer fachlichen Schul
aufsicht — schreibt Hauptlehrer Grünweller in der Evangelischen Volksschule — und
der Beseitigung der unbilligen Ausnahmestellung des Lehrerstandes sind Dinge,
die man vor Gott und Menschen, vor Kaiser und Papst verantworten kann. Der
Lehrerstand wird, erlangen, was er als Voraussetzung einer gesunden und gedeihlichen
Entwicklung bedarf. Die Durchführung der Fachaufsicht ist für den Lehrerstand eine
Existenzfrage. Aber für die Lehrer, die kein höheres Ziel ihrer Wirksamkeit kennen
als die Förderung und Ausgestaltung des Reiches Gottes auf Erden, die auch
treu stehen zu ihrer Kirche und ihrem Volke, die ihre Kräfte einsetzen für eine wahrhaft
christlich-nationale Erziehung, kommt noch etwas anderes in Betracht, was für sie von
Ausschlag gebender Bedeutung ist. Sie müssen mit tiefer Betrübnis sehen, wie durch
die unglückselige Zwangsverbindung von Kirche und Schule, wie sie der „geistlichen"
Ortsschulaufsicht gegeben ist, das Verhältnis der wichtigsten Erziehungsfaktoren in un
zähligen Fällen geradezu vergiftet wird, wie Mißtrauen, Haß und Streit aus dieser
unglücklichen Zwangsehe hervorgehen. Dadurch wird unsere Volkserziehung aufs tiefste
geschädigt, dadurch wird gerade das versöhnende und heiligende Moment des Ehristen-
tums als Erziehungsfaktor mehr und mehr ausgeschaltet. Wenn die Lehrer unter einem
Druck einhergehen, der gerade auf die zurückgeführt werden kann, die vor anderen die
herrliche Aufgabe haben, die Mühseligen und Beladenen zu erquicken und der Un
gerechtigkeit zu wehren, so muß dadurch das Bild des Christentums in den Augen
derer, die es noch nicht durch Gottes Gnade in seiner Reinheit und Erhabenheit un
mittelbar schauen durften, verzerrt werden. Weil sie nicht an die berufenen Diener
des Christentums glauben, darum glauben sie auch nicht an die Sache, mag sie ihnen
auch mit Menschen- und Engelzungen verkündet werden. Die Westfälische Provinzial
synode fordert im Namen der christlichen Religion Beibehaltung der geist
lichen Schulaufsicht. Wir fordern im Namen des Christentums, der Vernunft

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