Rundschau
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und Gerechtigkeit Beseitigung eines Zustandes, der den Beteiligten nicht zum
Segen gereicht, dem wahren Interesse der christlichen Kirche widerspricht und die christ
liche Schulerziehung schädigt." Wir sind stets für eine enge Verbindung von Kirche und
Schule eingetreten, aber wir fordern eine Verbindung, die sich auf dem Grundsätze der
Gerechtigkeit aufbaut und ein friedliches Zusammenarbeiten der beiden Erziehungs
mächte ermöglicht. Die Stellungnahme der rheinischen Provinzialsynoden ließ die
kirchlich gesinnten Lehrer hoffen, daß eine solche Verbindung noch möglich sei, die Er
klärung der Westfälischen Provinzialsynode hat diese Hoffnungen wieder vernichtet und
den kirchenfeindlichen Elementen einen neuen starken Wasserstrom auf die Mühle geleitet.
Wenn, wie wir fürchten, die Kirche über kurz oder lang zum Schaden unsers ganzen
Volkslebens jeden Einfluß auf die Schule verliert, dann wird ihr, zu spät vielleicht, die
Erkenntnis kommen, daß sie selbst sich ihr Grab geschaufelt hat.
Gras Häseler über die Fortbildungsschule und das Heer. Graf Häseler, der sich
in letzter Zeit öfter über Schulfragen geäußert hat, nahm kürzlich auch zur Bedeutung
der Fortbildungsschule das Wort. Herr P. Matzdorf in Köthen hatte in der Päda
gogischen Zeitung einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er nachzuweisen versuchte, daß ein
Körper und Geist harmonisch ausgestaltender, staatlicher obligatorischer Fortbildungs
schulunterricht wohl eine Verkürzung der militärischen Dienstzeit und damit eine Ver
minderung der drückenden Militärlasten herbeiführen könnte. Graf Häseler, der den
Artikel zugeschickt bekam, antwortete darauf mit folgender bedeutsamer Auslassung:
Harnekop, 3. 9. 1905. Sehr verehrter Herr Matzdorf ! Meinen besten Dank sage
ich für den freundlichst mir zugesandten Artikel „Die Fortbildungsschule und das Heer".
Was Sie darin über die Notwendigkeit der Fortbildungsschulen, über den notwendigen
staatlichen Zwang und über Leitung derselben sagen, entspricht fast in allen Punkten
meinen Ansichten. Zustimmen kann ich aber nicht den Folgerungen, die Sie ziehen:
denn auch die bestgeleitete Fortbildungsschule kann die Erziehung und Schulung in der
Armee nicht ersetzen; sie kann nur vorbereiten uüd der Verdummung und der Ver
rohung entgegentreten, denen die jungen Leute in den sechs Jahren, die zwischen Volks
schule und Armee liegen, preisgegeben sind. Alle Versuche ohne staatlichen Zwang
werden Stückwerk bleiben; immerhin wollen wir uns nicht scheuen, den Anfang zu
machen. Meine Bedenken gegen Ihre die Armee betreffenden Schlußfolgerungen habe
ich in der Anlage näher ausgeführt. Mit bestem Gruß bin ich Ihr sehr ergebener
Graf Häseler.
Die Einwendungen des Feldmarschalls sind:
Ich kann nicht der Ansicht beitreten, daß die stehenden Heere in beängstigender
Weise die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung hemmen. Die wirtschaftliche Ent
wicklung ist ohne Armee überhaupt nicht möglich. Nur unter dem Schutze einer starken
Armee können Industrie und Landwirtschaft gedeihen. Beide sind dem Feinde preis
gegeben, wenn der Wächter fehlt. Und auch die kulturelle Entwicklung wird durch die
Armee nicht gehemmt. Der durch die Armee gegangene Mann steht auf weit höherer
Bildungsstufe als der zur Truppe abgehende Rekrut. Ohne den Schutz der Armee ist
eine Kultur überhaupt nicht denkbar. Denn daß Kriege bestehen werden, solange als
Menschen die Erdenbewohner sind, ist meines Erachtens nicht in Zweifel zu ziehen.
Wer das stehende Heer beseitigt, ist die Beute des Nachbarn. Durch das Institut der
Einjährigen ist noch nicht die Möglichkeit zugegeben, den militärischen Dienst für alle in
einem Jahre zu bewältigen. Über das Institut der Einjährigen läßt sich viel sagen;
ich beschränke mich, den Zweifel auszusprechen, ob unsere großen Bildner der Armee
den Einjährigen heutigentags beibehalten würden, wenn sie jetzt zu entscheiden hätten.
Die Fortbildungsschule ist ein notwendiges Mittel zur Erziehung unserer Jugend, sie
wird den Rekruten an Geist und Körper besser, als dies jetzt der Fall, der Armee über
geben und damit für die Armee wirken, aber das zweite Dienstjahr kann sie nicht er
setzen. Die Erziehung und Schulung in der Armee kann nicht verkürzt werden; sie
kann aber unterstützt werden durch vorangegangene, wohlüberlegte Anleitung und unter
richtende Einwirkung auf Geist und Körper in den sechs Jahren, die jetzt nach beiden
Richtungen hin zu wenig fördern und vielfach Stillstand und Rückschritt bringen.
Evangel. Volksschule.
Pedanterie in der Schule. Die größte Feindin der Freude an der Schule ist die
Pedanterie. Leider ist sie nicht eine Spezies, sondern eine Gattung, ja ein Rattenkönig
von Untugenden, ein proteusähnliches Unkraut. Sie ist ebenso häufig bei Lehrern wie
bei Lehrerinnen. Der Pedant ist ordentlich; aber er übt die Ordnung so peinlich, daß
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