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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc.
er vor lauter Staubwischen nicht zum Arbeiten kommt, daß er sich am Ordnen des
eignen und über den fremden Anzug so aufhält, daß alle andern Arbeiten darüber in
den Hintergrund treten, ja alle andern Erwägungen im Keime erstickt werden. Der
Pedant achtet auch auf das Kleine und Kleinste, oft nicht mit Unrecht; aber das nimmt
ihn leider derart in Anspruch, daß er den Blick für das Große und die Weite verliert;
er wird kleinlich, kurzsichtig, tüpfelig, eng, scheuklappen-trägerhaft. Er ist sorgsam in
seiner Vorbereitung, gewissenhaft in seiner Darbietung; aber er ist auch unfehlbar in
seiner Einbildung, unbarmherzig in der Forderung, alles gerade so vom Schüler zu
verlangen, wie er es vorgetragen hat, und die am höchsten zu stellen, die am besten
nachschreiben, auswendiglernen, wiederkäuen können. Seine Wonne ist, Schüler zu er
ziehen, die auf seine Worte schwören, und seine Strafe, daß seine Schüler auf seine
Worte zu schwören bereit sind oder scheinen, nur um ihn zufrieden zu stellen und sich
eine gute Zensur zu sichern. Pedanten kennen nur eine, ihre, die allein selig machende
Methode, und ihr Maß aller Dinge ist ihr eignes Ich. Pedanten in leitender Stellung
sind das Kreuz der Untergebenen, der Tod der Arbeitsfteude, die Folterkammer für die
größte Treue und Gewissenhaftigkeit. Pedanten in untergeordneter Stellung sind die
Qual ihrer Vorgesetzten, die neben der voll anzuerkennenden Pflichttreue unter den
Folgen der Kleinlichkeit leiden und andre leiden sehen, und ihrer Schüler, denn bei
ihnen weicht der Freudengeist aus der Klasse, wenn sie eintreten, und die Noten im
Notizbuch stürzen übereinander, oder die Tadelsucht des vergrämten Lehrers überstürzt
die Strafen und entzieht der ganzen Oberklasse wegen eines Fettflecks, den eine zu
Boden gefallene Butterscheibe hinterlassen hat, die Freiheit, während der Pause auf dem
Schulhofe sich zu erholen, auf eine ganze Woche, oder sie greift zum „aufmunternden"
Stocke. Wer aber um einer Kleinigkeit willen große Strafen verhängt im Aussperren,
verdient eingesperrt zu werden; und wer den Stock für das Lehrmittel ansieht, „ohne
den er nichts tun kann", der verdient in den Stock gespannt zu werden. O über die
Pedanten! Solange Pedanten regieren, herrscht in der unter ihnen stehenden Gemein
schaft der Geist der Furcht, des sklavischen Gehorsams und der Unfteiheit, und auf
solchem Boden wächst keine Freude an der Schule. Es ist aber merkwürdig genug:
Niemand gibt zu, Pedant zu sein, auch der ärgste nicht. Jeder sieht die Pedanterie an
andern, nicht an sich. Und deshalb ist das Unkraut so schwer auszurotten.
(Haus und Schule, Nr. 28.)
Berechtigung der Mittelschulen. In Stettin beabsichtigte man, für die städtischen
Mittelschulen die Berechtigung zu erwirken, gültige Zeugnisse über die wissenschaftliche
Befähigung für den Einjährigfteiwilligen-Dienst ausstellen zu dürfen. Auf eine bezüg
liche Eingabe an den Reichskanzler hat dieser entschieden: „Der Antrag des Magistrats,
die dortigen Knaben-Mittelschulen unter diejenigen Schulen aufzunehmen, welche gültige
Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den Einjährigfteiwilligen-Dienst aus
stellen dürfen, ist mir durch den Königl. preußischen Minister der geistlichen, Unterrichts
und Medizinalangelegenheiten zugegangen. Nach Anhörung der Reichs-Schulkommission
beehre ich mich, dem Magistrat ergebenst zu erwidern, daß das übersandte Material
nicht ausreicht, um zu einem Urteil über die unterrichtliche Seite des Antrags zu ge
langen, denn es fehlt ein Bericht über den Beftnd einer Revision, und es fehlen Arbeiten
der Schüler, aus denen ein Bild der in den Mittelschulen geleisteten Arbeit gewonnen
werden könnte. Ferner bemerke ich folgendes ergebenst: Die Berechtigung zur Aus
stellung von Zeugnissen der wissenschaftlichen Befähigung für den Einjährigfteiwilligen-
Dienst wird — abgesehen von Lehrerseminaren — grundsätzlich nur höheren Schulen
erteilt. Als wesentliche Bedingung für den Charakter der höheren Schulen wird die
akademische Vorbildung der Lehrer oder wenigstens ihrer Mehrzahl angenommen. Für
sechsstufige Schulen, welchen die Stettiner Mittelschulen am nächsten kommen würden,
wird gefordert, daß der Direktor und mindestens die Hälfte der Lehrer Akademiker
seien. Diese Forderung wird in Stettin nicht erfüllt, da der Lehrkörper der Hauptsache
nach aus Lehrern besteht, die nach seminaristischer Ausbildung die Mittelschulprüfung
oder auch die Rektoratsprüfung bestanden haben. Ich bin daher, abgesehen von der
Unvollständigkeit des hier vorliegenden Materials, schon mit Rücksicht auf die für die
Gewährung der Militärberechtigung allgemein maßgebenden Grundsätze zu meinem Be
dauern nicht in der Lage, dem Antrage des Magistrats zu entsprechen."
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