477
s» III. Abteilung. Literarischer Wegweiser.
Linde, F./Rektor in Weidenau (Sieg): Entwürfe zur Behandlung deutscher Prosastücke.
II. Band: Erzählungen und Abhandlungen. Köthen 1905, O. Schulze. 296 S.
Der zweite Band der „Entwürfe" verdient dieselbe wanne Empfehlung wie der
erste; ja, man darf sogar sagen, er wird noch größere Dienste leisten, weil die Stoffe,
die in ihm bearbeitet sind, in der Mehrzahl der Schullesebücher und zwar in annähernd gleicher
Form Vorkommen. Die Art der Behandlung ist im wesentlichen dieselbe wie im ersten Teile.
Nachdem der Inhalt des Lesestückes in den fünf Stufen der Vorbereitung, Darbietung,
Vergleichung, begrifflichen Zusammenfassung und Anwendung einer vielseitigen Betrachtung
unterworfen worden ist, folgt unter der Überschrift „Sprachliche Verwertung" die Haupt
sache, nämlich die Vermehrung des sprachlichen Wissens und Könnens in Hinsicht auf
Sprachverständnis, Sprachrichtigkeit und Sprachfertigkeit. Es ließe sich die Frage aus
werfen, ob nicht die Sprachrichtigkeit begrifflich schon von der Sprachfertigkeit umfaßt
werde, da unter Sprachfertigkeit in der Pädagogik doch wohl immer die Fertigkeit im
richtigen Sprechen (und Schreiben) verstanden wird. Von einzelnen kleinen Versehen
seien nur folgende erwähnt. Ängstigen 13 heißt nicht Angst haben. Missen 93 ist nicht
= fehlen. Das Wort Pfarrherr (statt Pfarrer,) 230 ist unstatthaft, denn aus dem
pkarraoro wird sowenig ein Pfarrherr, wie aus dem wagenaere ein Wagenherr.
Jubilus 63, anti 13, spendere 191 sind keine lateinischen Wörter.
H. Wendt (Elberfeld).
Otto, B.: Beiträge zur Psychologie des Unterrichts. Leipzig, Scheffer. 342 S. Preis
geh. 6 M.
Das Buch stellt kein in sich geschlossenes Ganzes dar, sondern es besteht aus
mehreren größeren und kleineren Abhandlungen, die zu verschiedenen Zeiten entstanden
und zum großen Teil auch schon an anderer Stelle veröffentlicht worden sind. Daraus
erklärt sich der Umstand, daß sich mehrfache Wiederholungen derselben Gedankenreihen
darin vorfinden, was nicht gerade angenehm wirkt. — Es bietet uns in seinem ersten
Drittel vorwiegend theoretische Auseinandersetzungen über die Beudeutung der Psychologie
für den Unterricht: Naive und wissenschaftliche Psychologie, die Apperzeption in der
Psychologie des Unterrichts und das Studium der Psychologie. Darauf teilt der Ver
fasser in den „Ergänzungen zum Lehrgang der Zukunftsschule" mit, welche Umstände
und Erfahrungen die Herausbildung seiner pädagogischen Anschauungen angeregt und
beeinflußt haben. Des weitern gibt er dann als „Bellrag zur wissenschaftlichen Her
stellung des natürlichen Unterrichts" interessante Anweisungen über eine sichere, geläufige
und leichte Erlernung der lateinischen Sprache, denen er noch drei zusammenhanglose
„Aufsätze über den lateinischen Unterricht" beifügt. Den Schluß des Buches bilden
„Weitere Ausführungen zum Lehrgang der Zukunftsschule" und ein „Ausblick in die
Zukunstsschule." In diesem letzten Teile spricht er unter anderm über „die Mllwirkung
der Mütter," „die Mutter und der Sprachunterricht," „die Behandlung der Lautlehre
mit den Kindern," „den Gebrauch. der Bücher" usw. Die praktischen Ausführungen be
ziehen sich mit 2 kleinen Ausnahmen nur auf den sprachlichen Unterricht, wahrscheinlich
infolge seiner Anlehnung an Steinthal, den er als „den Begründer einer wissenschaft
lichen Psychologie" feiert.
Der Beurteilung dieses eigenartigen Werkes muß ich vorausschicken, daß es von
einem Akademiker herrührt, der noch dazu nicht im öffentlichen Schuldienste steht, sondern
sich nur gelegentlich privatim mit dem Unterricht beschäftigt hat. Aus den im höheren
Schulwesen vorhandenen Mängeln werden sich wohl manche seiner scharfen Urteile über
die höchst unzureichende Ausrüstung der Lehrer und die entschieden zu weit gehende Aus
schließung der Bücher vom Unterricht erklären lassen; letztere lehnt er richtigerweise nicht
allein für die anschauliche Vorführung, sondern auch für die Einprägungsarbellen völlig
ab. Daher dürsten sich ferner so manche uns eigentümlich berührende Urteile und
Anschauungen in dem psychologischen Teile herschreiben, wenn er beispielsweise S. 19
alle Liebkosungen als Ausfluß von Erregungszuständen zu den Grausamkeiten rechnet,
oder die naive Weltauffassung „den Erzfeind der Wahrheit" nennt, oder wenn er lehrt,
daß „eine Anschauung nur insoweit von einem Geiste aufgenommen wird, als in diesem

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.