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I. Abteilung Abhandlungen.
die dazu nötigen Aufnahmeverbände (apperzipierenden Vorstellungsgruppen, d. V.) vor
handen sind" usw. Überhaupt scheint es mir, als wenn eine eingehendere Beschäftigung
mit den diesbezüglichen Arbeiten der Herbartschen Schule, deren Vertreter er außer
Steinthal nicht zu kennen scheint, seine psychologischen Anschauungen noch um ein gutes
Teil zu klären vermöchten.
Aus seiner privaten Unterrichtstätigkell läßt es sich wohl herleiten, daß er die
Erfolge seines Lehrverfahrens doch wohl etwas überschätzt; wenn er wegen Faulheit,
Unaufmerksamkeit und Fehlern keine Strafen irgendwelcher Art angewandt wissen will,
wenn er jegliches Strafen, Schelten und Ermahnen aus diesen Ursachen als pädagogische
Erbsünde bezeichnet, und Anforderungen an den Schulunterricht stellt, denen wahrscheinlich
nie entsprochen werden kann. Es ist überhaupt etwas viel Zukunftsmusik in dem Buche
enthalten.
Entspricht aber auch der wissenschaftliche Gehalt des Buches nicht meinen vielleicht
etwas zu hoch gespannten Erwartungen, so will ich doch gegenüber diesen Ausstellungen
mll meiner herzlichen Freude darüber nicht zurückhalten, daß hier ein Akademiker mit
solcher Entschiedenheit es betont, daß zur Erteilung eines wirklich geistbildenden Unter
richts ein eingehendes Studium der Kindesseele geradezu unerläßlich ist, und der mit
allem Eifer es sich angelegen sein läßt, den jeweiligen Geistesvorrat und -zustand genau
zu erkunden, um die neuen Bildungsstoffe so sicher als möglich zu gründen. In
diesen beiden wichtigen Stücken ist er sicherlich noch vielen Gliedern unseres Standes
ein leuchtendes Vorbild, und auch von seinen praktischen Arbellen auf dem Sprachgebiete
ist für eine gesunde volkstümliche Unterweisung noch manches zu lernen. Rg.
Otto, B.: Fürst Bismarcks Lebenswerk. Leipzig, Scheffer. Preis in schönem Geschenk
einband -1,40 M.
Das Buch legt ein deutliches Zeugnis ab von dem liebevollen Versenken des Verfassers
in die Denk- und Sprechweise unseres Volkes und von dem dadurch erlangten Geschick,
sich ihrer selbst zu bedienen. Der Verfasser will nicht bloß in historischer Folge die
einzelnen Begebenheiten aus dem Leben unseres großen Staatsmannes aneinanderreihen,
sondern die Bedeutung seines vielseillgen und großartigen Wirkens dem Verständnis der
größeren Kinder und des gemeinen Mannes nahe bringen. Wenn wir auch die
Schwierigkeit einer solchen Aufgabe für noch größer halten als der Verfasser selbst, so
müssen wir doch gestehen, wir haben bis jetzt noch kein Werk kennen gelernt, in dem
auf so engem Raume (72 S.) und in so volkstümlicher und anschaulicher Weise alle
unsere verfassungsmäßigen Einrichtungen: Monarchie, Parlamente, Bundesrat, Heerwesen,
und unsere sozialen Verhältnisse behandelt worden sind. Rg.
Sieverts, W.: Die begriffliche Methode im Leseunterricht. Leipzig, Scheffer. 58 S.
Preis 0,50 M.
Das Schriftchen stellt eine anziehende Anwendung der „begrifflichen Methode" von
Berthold Otto dar. Als die eine wesentliche Seite der begrifflichen Methode im
Leseunterricht ist wohl das Bestreben zu bezeichnen, die Kenntnis der Laute und Buch
staben in einer Weise zu vermitteln, die sich möglichst dem eigentümlichen Geistesleben des
Kindes annähert, wie es sich in der regen Pfantasietätigkeit und der Freude am Spiel
äußert, und dadurch vor allem das Interesse des Kindes zu erregen sucht. Die andere
ist wohl darin zu erblicken, daß die Selbsttätigkeit des Kindes in möglichst weitgehendem
Maße, aber doch in spielender Weise in Anspruch genommen wird. Zu dem Zwecke
wird besonders deutlich durch Sehen, Fühlen nnd Zeichnen auf die Mundstellung auf
merksam gemacht, um die Kinder zu befähigen, sowohl bei der Erlernung der Laute als
auch bei der Bildung und Zerlegung der Wörter sich selbst mit betättgen zu können.
Dementsprechend wird auch bei der Behandlung der Buchstaben verfahren.
Wenn diese Grundsätze ja auch theorettsch nichts Neues enthalten, wie der Verfasser
auch selbst sagt, daß die „begriffliche Methode in Wahrhell nur eine reife Frucht früherer
Bestrebungen" sei, so können wir die hier gegebene Ausgestaltung derselben doch als
eine wohlgelungene bezeichnen, und wir sttmmen dem Verfasser darin auf Grund eigener
Versuche bei, daß diese Art, den Leseunterricht zu erteilen, entschieden mehr Freude in
die Schulstube hineinbringt, als nach der gewöhnlichen Weise darin zu finden ist. Rg.
Linde, Fr.: Etwas über Lautveränderung in der deutschen Sprache. Langensalza,
Herrn. Beyer u. Söhne. Preis 30 Pf.
Wohl manchem, dessen Aufmerksamkeit durch irgend einen Umstand auf den Bau
unserer Sprache gelentt wurde, ist die eigentümliche Abweichung aufgefallen, die gewisse
Formen, wie Spindel, Born, Bernstein, Mllgift, Hälfte usw. gegenüber ihrer Verwandt-

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